Elegie.

Martin Opitz

1624

In dem die Sonne sich hat in das Meer begeben / Vnd das gestirnte Haupt der Nacht herausser bricht / Sind Menschen / Vieh vnd Wild wie gleichsam ohne Leben / Der Monde scheinet auch gar kaum mit halbem Liecht. Ich / ob schon alles schläfft / muß ohn Auffhören wachen Von vielen Tagen her / vnd wallen ohne Ruh: Ist schon die gantze Welt befreyt von jhren Sachen / So bring′ ich doch vor Lieb′ vnd Angst kein Auge zu. Auch dich / Asterie / hat gantz der Schlaff vmbringet / Der Tagesarbeit furth / deß Todes Ebenbild; Da mir der Zehren Bach auß beyden Augen dringet / Bist du mit sanffter Rhu auff deinem Bett′ erfüllt. Wie wann sich Delia hat in den Walt verborgen / Wird durch den Schlaff erwuscht / vnd fellt ins grüne Graß; Vnd wie die Nymphen auch sich legen gegen morgen / Nach dem der Nachttantz sie gemacht hat müd vnd laß. Sie ruhen sicherlich bey einem frischen Bronnen / Die Bäume halten auff der Morgenröthe Liecht; Daß sie nicht alsobald erwachen von der Sonnen Deckt sie der dicke Wald: Pan aber schläffet nicht. Er geht / er rufft / er schreyt mit sehnlichem Verlangen / Daß seine stimm erklingt durch pusche / Berg vnd Thal / Vnd sie sind sänfftiglich mit süssem Traum vmbfangen / Dem Pan antwortet nur der blosse Wiederschal. Du auch / mein Leben / schläfst / ich muß in Nöthen wallen / Du bist in guter Rhu / ich wache für vnd für / Biß mich der letzte Tod wird endlich vberfallen / Auff den ich sehnlich wart allhier bey deiner Thür.

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Illustration zu Elegie.

Interpretation

Das Gedicht "Elegie" von Martin Opitz handelt von der Einsamkeit und Sehnsucht des lyrischen Ichs in der Nacht, während alle anderen schlafen. Der Sprecher fühlt sich verlassen und unruhig, da seine Liebe zu Asterie und seine Angst ihn wach halten. Er vergleicht sich mit Pan, dem Gott der Wälder, der ebenfalls nicht schlafen kann und nach seiner Geliebten Delia ruft. Die Nacht wird als Ort der Trauer und des Schmerzes dargestellt, während der Tag als Zeit der Arbeit und der Aktivität gezeigt wird. Das lyrische Ich sehnt sich nach dem Tod, der es endlich erlösen und mit seiner Geliebten vereinen wird.

Schlüsselwörter

vnd auff leben liecht muß wallen schlaff rhu

Wortwolke

Wortwolke zu Elegie.

Stilmittel

Alliteration
Menschen / Vieh vnd Wild wie gleichsam ohne Leben
Enjambement
Ich / ob schon alles schläfft / muß ohn Auffhören wachen / Von vielen Tagen her / vnd wallen ohne Ruh
Parallelismus
Du auch, mein Leben, schläfst / ich muß in Nöthen wallen / Du bist in guter Rhu / ich wache für vnd für
Symbolik
Der Tagesarbeit furth, deß Todes Ebenbild
Vergleich
Wie wann sich Delia hat in den Wald verborgen