Elegie auf die Geduld
1792Nein länger kann ichs nicht ertragen, Das ist zu viel, ist gar zu schwer, Das müßte mich zu Boden schlagen, Wenn ich die Stärke selber wär.
Ich habe die Geduld verloren, Die große Leidenträgerin, Die bei mir war, als ich gebohren, Und auferzogen worden bin;
Die nimmer noch von mir gewichen In mancher jämmerlichen Noth: Ach die Geduld ist nun verblichen, Der falsche Milon schlug sie todt.
Mit einem Herzverachtungsstreiche Ward sie getroffen, und mein Herz Weint Thränen über ihrer Leiche, Erstarret unter seinem Schmerz.
Der stolze, spröde Milon sagte Mir Veilchen zu, und täuschte mich Viel Tage lang, so oft ich fragte, Mit Aug und Munde kümmerlich.
Zuletzt kam er in meine Hütte, Trug Veilchen bei sich, schenkte sie, Ohn Ihren Wink, ohn ihre Bitte, Der kleinen jungen Corally.
O du Verräther meiner Treue, Verächter meiner Zärtlichkeit, Ich übergebe dich der Reue, Und mich der Leidvergessenheit.
Ich werde dich noch immer denken, Ob du die Seele gleich verwarfst, Von der du nie mit Goldgeschenken Ein sanftes Lächeln kaufen darfst;
Auch werd ich stets dich sehen wollen, Ob meine Lieder gleich hinfort Von meiner Liebe schweigen sollen, Von ihr hörst du das letzte Wort.
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Interpretation
Das Gedicht "Elegie auf die Geduld" von Anna Louisa Karsch ist eine Klage über den Verlust der Geduld und die damit verbundene emotionale Zerrüttung. Die Sprecherin kann die Last der Geduld nicht länger ertragen, da sie zu schwer geworden ist. Sie bedauert den Verlust ihrer treuen Begleiterin, die sie durch viele schwere Zeiten getragen hat. Doch nun ist die Geduld gestorben, erschlagen von dem falschen Milon, der die Sprecherin betrogen hat. Die Sprecherin wirft Milon vor, ihr Veilchen versprochen und sie so lange getäuscht zu haben, bis er schließlich in ihre Hütte kam und die Veilchen einer anderen, der jungen Corally, schenkte. Dieser Verrat hat die Geduld der Sprecherin endgültig zerbrochen. Sie überlässt Milon seiner Reue und sich selbst der Leidvergessenheit, kann ihn aber dennoch nicht vergessen oder aus den Augen verlieren. Die Liebe der Sprecherin zu Milon bleibt bestehen, auch wenn er sie nicht erwidert und ihre Lieder künftig von dieser Liebe schweigen werden. Das Gedicht ist eine eindringliche Darstellung der emotionalen Verwüstung, die durch einen tiefen Vertrauensbruch entstehen kann. Die Geduld als Metapher für die Fähigkeit, Schmerz und Enttäuschung zu ertragen, ist hier zum Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Sprecherin geworden. Ihr Verlust bedeutet den Zusammenbruch der emotionalen Stabilität und den Beginn eines Prozesses der Trauer und des Loslassens. Trotz allem bleibt die Liebe zur betrügenden Person bestehen, was die Komplexität menschlicher Gefühle und die Schwierigkeit, sich von einer tiefen emotionalen Bindung zu lösen, verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- In 'Herzverachtungsstreiche' wird der Konsonant 'H' wiederholt.
- Anapher
- Die Wiederholung von 'Ich werde dich noch immer denken' und 'Auch werd ich stets dich sehen wollen' betont die unerschütterliche Liebe der Sprecherin.
- Enjambement
- Der Gedankenfluss wird durch Zeilenumbrüche wie 'Nein länger kann ichs nicht ertragen, Das ist zu viel, ist gar zu schwer' fortgesetzt.
- Hyperbel
- Die Aussage 'Das müßte mich zu Boden schlagen, Wenn ich die Stärke selber wär' übertreibt die emotionale Belastung.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der Treue der Sprecherin und der Untreue Milons wird durch die Gegenüberstellung von 'meiner Treue' und 'Verächter meiner Zärtlichkeit' betont.
- Metapher
- Die Geduld wird als lebendiges Wesen dargestellt, das 'verblichen' und von 'falschem Milon' getötet wurde.
- Personifikation
- Die Geduld wird als 'große Leidenträgerin' personifiziert, die bei der Sprecherin war, als sie geboren und aufgezogen wurde.
- Symbolik
- Veilchen symbolisieren falsche Versprechungen und Täuschung durch Milon.