Eisblumen
1875I.
Im Winter, wenn sich erdenwärts Die eisigen Flocken schwingen, Da soll das liebende Sängerherz In Liedern hell erklingen.
Da sollen die Freuden der Frühlingszeit, Die jubelnd ins Herz gezogen, Aus Liedern klingen mit Seligkeit Auf goldenen Sangeswogen.
Da soll aus den Keimen, die traumverhüllt, Im Lenz in die Herzen gefallen, Mit Liederblüten, dufterfüllt, Ein klingender Frühling wallen.
Da sollen der Erde eisigen Traum Die Sänger jubelnd versingen, Und in den trüben, kalten Raum Den Frühling der Lieder bringen.
II.
Entfalte deinen Blütenglanz, Du volles Liederleben, Du sollst der Erde einen Kranz Aus Liedern, für Blumen geben.
Es hat der Wald ja aufgehört Zu blühen und zu klingen, O Herz, nun kannst du ungestört Blühn und jubeln und singen.
Im Frühling singt die Nachtigall - Da mußt du wieder schweigen; Nun kannst du mutig deinen Schall Und deine Blüten zeigen!
III.
Du arme Wiese, du öder Wald, Ihr blättelosen Bäume, Wie hat der Herbst so bald, so bald Vernichtet eure Träume.
Wie hat der Sturm so baldd verweht Den Traum der Blätter und Blüten, Und Lust und Leben und alles vergeht In des Wintersturmes Wüten.
Und hätte nicht das Sängerherz Sich ewigen Frühling erworben, Wer trüge den großen, langen Schmerz, Daß Blumen und Lieder gestorben.
lV.
Entringe dich der Trauer In kalter Winternacht, Es flieht des Frostes Schauer - Der Geist der Liebe wacht.
Es löschte die Blütenflammen Des Wintersturmes Gebraus, Doch er streute auch die Samen Zu neuem Leben aus.
V.
Nun stelle deinen Zweifel ein Und all dein Widerstreben, Und glaube jetzt, und füge dich drein - Es gibt ein Geisterleben!
Im Traum hat eine Nachtigall Mir laut ins Herz geflötet, Und mir träumte von den Blumen all, Die der kalte Winter getötet.
Da kamen im Traume still und bleich Die Blumengeister gezogen, Und hauchten mich an und verschwanden zugleich Und schwebten und webten und flogen.
Und Morgens, als ich aufgewacht, Da standen sie eisig am Fenster, In kalter, schimmender Geistertracht Die weißen Blumengespenster.
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Interpretation
Das Gedicht "Eisblumen" von Hermann Rollett thematisiert die Kraft der Kunst und der Poesie, um in der kalten, leblosen Winterzeit die Schönheit und den Zauber des Frühlings zu beschwören. Der lyrischer Ich-Erzähler beschwört die Kraft der Lieder, um die Erde mit einem Kranz aus Poesie zu schmücken und den Frühling in die Herzen der Menschen zu tragen. In den einzelnen Strophen werden verschiedene Aspekte dieser Idee beleuchtet: Die Freude des Sängers, der im Winter ungestört seine Lieder singen kann, die Trauer über den Verlust der Blütenpracht im Herbst und Winter, sowie die Vision von den Geistern der verstorbenen Blumen, die sich als Eisblumen am Fenster zeigen. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass es ein "Geisterleben" gibt und die Kunst in der Lage ist, den ewigen Frühling zu beschwören. Rolletts Gedicht ist ein Loblied auf die Kraft der Poesie und der Kunst, die selbst in den dunkelsten Stunden des Jahres die Schönheit und den Zauber des Lebens beschwören kann. Es ist ein Plädoyer für die Kraft der Fantasie und der kreativen Schaffenskraft, die selbst in der kältesten und leblosesten Jahreszeit den Frühling ins Herz tragen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Geister und Geistertracht
- Anapher
- Und... Und... Und
- Hyperbel
- Großen, langen Schmerz
- Metapher
- Blumengespenster
- Personifikation
- Die eisigen Flocken schwingen
- Symbolik
- Geister und Gespenster