Einst und jetzt
1897Nur eine von jenen Nächten, Nur eine gebt mir zurück! Wie klopfte mein Herz beim sinkenden Tag Entgegen dem winkenden Glück! Sobald Orion, der leuchtende, glomm Am Saum der Cypressenschlucht, Glitt leicht auf plätschernden Wellen Mein Boot in die Uferbucht.
Hernieder streckte der Oelbaum Die Aeste mir über die Flut; Aufflatterte scheu bei meinem Nahn Der Hänfling von seiner Brut, Und rasch von Zweigen zu Zweigen empor Klomm ich im dunkelnden Grün, Bis wo der Balkon hellblinkend Durchs Blätterdickicht schien.
Ein Licht, am Gitter flimmernd, Ein rauschendes Nachtgewand, Und eine winkende Hand, Von Locken umwallt eine weiße Gestalt, Und ein Augenpaar, so tief, so klar - O, als ich es leuchten sah, Bleich schien mit allen Sternen Des Südens Himmel mir da.
Doch weh! was wollen die Bilder Aus Tagen, die längst entflohn? Verwelkt die Blüten des Frühlings nun, Behäuft mit Schnee der Balkon! Der Winter schüttelt vor meiner Thür Die eisigen Locken im Wind Und deutet höhnend auf Wonnen, Die lange begraben sind.
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Interpretation
Das Gedicht "Einst und jetzt" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von der Sehnsucht nach einer vergangenen Liebe und dem Kontrast zwischen damaliger Glückseligkeit und der gegenwärtigen Einsamkeit. Der lyrische Ich- Erzähler sehnt sich nach einer einzigen Nacht aus der Vergangenheit, in der er mit seiner Geliebten unter dem Sternenhimmel zusammentraf. In der zweiten Strophe beschreibt der Erzähler die Szene der damaligen Begegnung. Er rudert mit seinem Boot in eine Uferbucht, erklimmt einen Baum und erreicht einen Balkon, wo er ein flackerndes Licht und eine winkende Hand erblickt. Die Beschreibung der "weißen Gestalt" und der "tiefen, klaren Augen" der Geliebten verdeutlicht die Schönheit und Anziehungskraft dieser Person. Die dritte Strophe verdeutlicht den starken Kontrast zwischen damaliger Glückseligkeit und gegenwärtiger Einsamkeit. Der Erzähler beschreibt die verwelkten Blumen und den mit Schnee bedeckten Balkon als Symbole für das Verstreichen der Zeit und das Ende der Liebe. Der Winter wird als personifizierte Figur dargestellt, die spöttisch auf die vergangenen Freuden hinweist, die nun begraben sind. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine melancholische Stimmung und thematisiert die Vergänglichkeit der Liebe und des Glücks. Der Erzähler sehnt sich nach einer vergangenen Zeit, in der er mit seiner Geliebten glücklich war, doch die Realität zeigt ihm, dass diese Zeit unwiederbringlich vorbei ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Verwelkt die Blüten des Frühlings nun, Behäuft mit Schnee der Balkon
- Personifikation
- Der Winter schüttelt vor meiner Thür Die eisigen Locken im Wind
- Vergleich
- O, als ich es leuchten sah, Bleich schien mit allen Sternen Des Südens Himmel mir da