Einsprache aus München
1854Faselst du? Dies Pasquill verleumdet die nobelsten Helden, Wie es der rohste Poet nie noch vermeßner gewagt, Äschylos nicht einmal, der doch der Prinzessin von Troja Bilder vom Stier und der Kuh legt in den sittigen Mund. Nein, wir kennen sie besser, die edlen Burgunder, und willst du Reine Geschichte, so leih unserm Tragöden das Ohr. Wie er den Lindwurm gänzlich beseitigt, weil Raff ihn nicht kannte Und auch Cuvier nicht seine Gebeine entdeckt, Also hat er zugleich die Recken des Eisens entkleidet, Und sie zu Menschen gemacht, wie wir sie lieben bei uns. Hagen wütet nicht blind, er ist ein besonnener Hofmann, Der den Rivalen ersticht, weil er die Gnade ihm stiehlt, Siegfried selber ist nichts, doch büßt er das schwere Verbrechen, Daß er sich doppelt verlobt, was die Moral nicht erlaubt, Kriemhild verbessert die Reden der Thekla und macht sie prosodisch, Denn im Metrischen war Schiller bekanntlich ein Kind; Brunhild allein blieb wild, und Gunther muß ringen und springen, Aber es wird uns erklärt: weil sie die Mutter verlor! Dennoch stört es ein wenig, und wenn der Dichter auch glücklich Sich der Kappe des Zwergs, welche den Helfer verbarg, Durch das natürliche Mittel der simplen Verkleidung erledigt, Menschlicher wär′ es vielleicht, spielten die beiden nur Schach! Tilg′ er denn unverweilt in souveräner Verachtung, Wie das übrige, auch diesen barbarischen Rest!
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Interpretation
Das Gedicht "Einsprache aus München" von Friedrich Hebbel ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Dramatisierung des Nibelungenliedes durch andere Dichter, insbesondere mit der Version von Thekla von Barnhelm und Franz Grillparzer. Hebbel kritisiert die überzogene und unrealistische Darstellung der Charaktere und Handlungen in diesen Werken. In den ersten Strophen weist Hebbel darauf hin, dass das Gedicht, das er kritisiert, die edelsten Helden auf eine Weise verleumdet, die selbst der roheste Poet nicht gewagt hätte. Er vergleicht dies mit den Werken von Aischylos, der in seiner "Prinzessin von Troja" Bilder vom Stier und der Kuh in den Mund der sittigen Prinzessin legt. Hebbel betont, dass er und seine Zeitgenossen die edlen Burgunder besser kennen und eine reinere Geschichte erzählen können. In den folgenden Strophen beschreibt Hebbel, wie der Dichter, den er kritisiert, den Lindwurm beseitigt und die Recken des Eisens entkleidet, um sie zu Menschen zu machen, die wir bei uns lieben. Er kritisiert die Darstellung von Hagen als besonnener Hofmann, der den Rivalen ersticht, weil er die Gnade ihm stiehlt, sowie die Darstellung von Siegfried als nichts, der jedoch für das schwere Verbrechen büßt, sich doppelt verlobt zu haben. Hebbel kritisiert auch die Darstellung von Kriemhild, die die Reden der Thekla verbessert und prosodisch macht, sowie die Darstellung von Brunhild, die wild bleibt und Gunther zum Ringen und Springen zwingt, weil sie die Mutter verloren hat. In den letzten Strophen schlägt Hebbel vor, dass der Dichter in souveräner Verachtung auch diesen barbarischen Rest tilgen sollte, und dass es vielleicht menschlicher wäre, wenn die beiden Protagonisten nur Schach spielen würden. Insgesamt ist das Gedicht eine scharfe Kritik an der überzogenen und unrealistischen Darstellung der Nibelungensage in der zeitgenössischen Literatur.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Äschylos nicht einmal, der doch der Prinzessin von Troja Bilder vom Stier und der Kuh legt in den sittigen Mund
- Aufforderung
- Tilg′ er denn unverweilt in souveräner Verachtung, wie das übrige, auch diesen barbarischen Rest
- Bedingung
- Menschlicher wär′ es vielleicht, spielten die beiden nur Schach
- Hyperbel
- Wie es der rohste Poet nie noch vermeßner gewagt
- Ironie
- Denn im Metrischen war Schiller bekanntlich ein Kind
- Kontrast
- Hagen wütet nicht blind, er ist ein besonnener Hofmann
- Metapher
- Faselst du? Dies Pasquill verleumdet die nobelsten Helden
- Personifikation
- Kriemhild verbessert die Reden der Thekla und macht sie prosodisch
- Vergleich
- Wie der Dichter auch glücklich sich der Kappe des Zwergs, welche den Helfer verbarg, durch das natürliche Mittel der simplen Verkleidung erledigt