Einschlafen

Marie von Ebner-Eschenbach

1830

Der Tag ist aus, und nun - wie himmlisch wohl wird’s tun, Vergessend seine Müh’n in sanftem Schlaf zu ruhn. - Es war ein harter Tag. Vorüber und vorbei! Gott gebe, daß, der kommt, ein minder harter sei; Wenn nicht - nun denn, nun denn! - zu leiden und zu streben, Ob mit, ob ohne Lohn, das nennen wir ja leben. Die oft ersehnte Stund’, sie bleibt nicht aus am Ende, Da man zu ew’ger Rast darf kreuzen seine Hände. Erlösungbringer Tod! wer hat nicht dein gedacht, Als er sich hingestreckt zum Schlaf in stiller Nacht? Der Schlaf ist kurzer Tod, wir können Probe halten Vom dunkeln Schicksalsstück, darin als Held zu walten Jedwedem einst bestimmt. - Wär’s jedem auch beschieden, Mit sich und mit der Welt dahinzugehn in Frieden. In sel’gem Frieden … Ach, braucht’ ich zu wünschen nur, Die Menschen hätten ihn, ihn hätte die Natur, Kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm, Ich schafft’ auch Ruh dem Meer, der Wolke und dem Sturm … Ein sonderbares Wort hab’ ich dereinst vernommen Und konnt darüber nie zu voller Klarheit kommen. - Nirwana war das Wort. Das heißt … o Müdigkeit! - Nicht denken jetzt, nicht mehr - es ist ja Schlafenszeit, Willkommen, holde Zeit; sei gnädig mir, entrücke Mich allem Leid. Ich wollt’, ich fänd’ einmal die Brücke, Die aus dem wachen uns, dem vollbewußten Sein Ins halbbewußte Reich des Traumes führt hinein. Ein zarter Wunderbau, ein rätselhafter Steg, Nur das geschloss’ne Aug’ entdeckt zu ihm den Weg. - - - Ei horch, wie’s summt und klingt: - die Spieluhr regt sich wieder Und bringt ihr Liedchen vor vom muntren Seifensieder … Der es so gerne hört, mein ferner Liebling, du, Wann endlich kehrst du heim? wann jauchzt dein Gruß mir zu? … Viel Zeit muß noch vergehn, und Sommer muß es sein, Und linde Luft muß wehn durch unsern Fichtenhain … Da steht er ja, er selbst - umhaucht von Harzesduft, Die Wipfel ragen schlank und schimmernd in die Luft. - Ich seh’ die Wiesen rings im Frühlingsglanz sich breiten Und durch das junge Grün ein junges Kindlein schreiten. So komm! - wo bist du nun? … gar nirgends zu entdecken - Beim ersten Wiedersehn spielt schon das Kind Verstecken - - Mit ihm verschwand der Tag; schneeweiße Nebel wallen, Die qualmend sich zerstreun, die sich zusammen ballen - Und jetzt - o Seligkeit - o Himmelsblumen: Sterne! Erhebt sichs wie Gesang so mild und rein - Ich schlafe nicht, noch lange nicht - o nein -

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Illustration zu Einschlafen

Interpretation

Das Gedicht "Einschlafen" von Marie von Ebner-Eschenbach thematisiert den Übergang vom bewussten, oft anstrengenden Wachsein in den erholsamen Schlaf und reflektiert dabei tiefere existenzielle Fragen. Der Tag wird als "harter Tag" beschrieben, der hinter einem liegt, und der Schlaf als himmlische Erholung von den Mühen des Lebens. Der Autor verknüpft den Schlaf metaphorisch mit dem Tod, indem er ihn als "kurzen Tod" bezeichnet, bei dem man eine Probe des ewigen Schlafs halten kann. Diese Verbindung zwischen Schlaf und Tod wird als eine Art Erlösung von den Leiden des Lebens dargestellt. Im weiteren Verlauf des Gedichts wünscht sich die Sprecherin eine Welt, in der alle Wesen, von den Menschen bis hin zum kleinsten Wurm, in Frieden und ohne Qual leben könnten. Der Gedanke an Nirwana, einen Zustand vollkommener Ruhe und Losgelöstheit von allem Leid, wird erwähnt, aber schnell von der unmittelbaren Müdigkeit und dem Wunsch nach Schlaf überlagert. Die Brücke zum Traumreich wird als ein zarter, rätselhafter Steg beschrieben, der nur durch das geschlossene Auge entdeckt werden kann, was die geheimnisvolle Natur des Übergangs in den Schlaf unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer Rückkehr zu persönlichen, nostalgischen Erinnerungen, die durch das Summen einer Spieluhr ausgelöst werden. Die Erinnerung an einen fernen Liebsten und die Vorfreude auf ein Wiedersehen im Sommer verweben sich mit der gegenwärtigen Erfahrung des Einschlafens. Die abschließenden Zeilen, in denen die Sprecherin die Sterne am Himmel betrachtet und behauptet, noch nicht schlafen zu wollen, lassen den Leser in einem Zustand der Ungewissheit zurück, ob sie tatsächlich einschläft oder in einem wachen Traumzustand verharrt.

Schlüsselwörter

tag schlaf muß harter tod frieden selbst wort

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Stilmittel

Alliteration
vergehn, und Sommer
Anspielung
Nirwana
Bildsprache
schneeweiße Nebel wallen
Hyperbel
kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm
Kontrast
wachen uns, dem vollbewußten Sein ... Ins halbbewußte Reich des Traumes
Metapher
dunkeln Schicksalsstück
Personifikation
Erlösungbringer Tod
Symbolik
Schlaf als Brücke ins Traumreich
Wiederholung
Nun denn, nun denn