Einsamkeit

Achim von Arnim

unbekannt

Wird mir von Trauerlarven Die Straße gar bedrängt, Und fühl′ ich Schmerz den scharfen, Wie er den Hals beengt, Dann leg′ ich den Kopf in den Rachen Von meinem zahmen Leu, Und lieg′ da wie im Nachen Und laß mich treiben frei.

So ruh′ ich in den Schranken Der reichen Einsamkeit, Und sehe in Gedanken Noch über meine Zeit; Da kann ich der anderen lachen Und schrecklich lustig sein, In meinen Schreckensnachen Dringt nie das Schrecken ein.

Da will ich ruhig bleiben Und schreiet auch die Welt, Der Leu will dich entleiben Und sich nur ruhig stellt; Er wird mich doch nimmer erdrücken, Doch läßt er mich nicht los, Bis er mir mit Entzücken Zeigt meine Hoffnung groß.

Mag auch sein Auge funkeln, Er schrecket euch zurück, Ich ruhe hier im Dunkeln Und finde hier mein Glück; Entsteig′ dann geblendet dem Rachen, So helle war mir′s nie, Die alten Freunde lachen, Weil ich den Mund nicht verzieh.

Wo bin ich hingetrieben, Dies ist der alte Baum, Er ist noch grün geblieben, Und größer ist er kaum; Den Freunden erzähl′ ich mit Freuden Nun manchen lust′gen Streich, Und auf das bittre Leiden Leg′ ich die grünenden Zweig′.

Wo einer ist erschlagen, Legt jeder grüne Zweig′. Doch wo ein Volk geschlagen, Da lacht ein jeder gleich; Nicht schmerzliches Lachen zu sehen Bedeckt der Schmerz mein Aug′, Wenn eisende Winde klar wehen, Da trübet sie mein Hauch.

So sollen alle wecken, Empfindung, die verlacht, Und die Empfindung necken, Wo sie sich überwacht: Dann kehrte das sichere Wetter Zu unsrer Erd′ zurück, Und alle wären Retter Von unserm alten Glück.

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Illustration zu Einsamkeit

Interpretation

Das Gedicht "Einsamkeit" von Achim von Arnim beschreibt eine tiefe innere Zuflucht, die der Sprecher in der Einsamkeit findet. Er vergleicht diese mit dem Ruhen im Rachen eines zahmen Löwen, was auf den ersten Blick bedrohlich wirkt, aber tatsächlich Schutz und Geborgenheit bietet. In dieser metaphorischen Höhle kann er frei von äußeren Sorgen treiben und in Gedanken über die Zeit hinausschauen. Die Einsamkeit wird hier als "reiche" Schranken beschrieben, die es ihm ermöglichen, über die Sorgen anderer zu lachen und in seinen "Schreckensnachen" unberührt von Furcht zu bleiben. Der Löwe symbolisiert eine mächtige, aber vertraute Kraft, die den Sprecher weder erdrückt noch freigibt, sondern ihm erst dann seinen großen Hoffnungen zeigt, wenn er bereit ist. Diese Hoffnung wird als etwas Großes und Erfreuliches dargestellt, das erst im Dunkel der Einsamkeit klar erkennbar wird. Der Sprecher findet in dieser Dunkelheit sein Glück und kehrt, wenn er den metaphorischen Rachen verlässt, mit einer neuen, helleren Sicht auf die Welt zurück. Die "alten Freunde" lachen, weil er seinen Mund nicht verzieht, was auf eine gewisse Gelassenheit und Unbeeindrucktheit gegenüber dem Leid der Welt hindeutet. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Natur des Leids und die Reaktionen darauf. Er beschreibt, wie er an einem alten Baum, der grün geblieben ist, Geschichten von lustigen Streichen erzählt und das bittere Leiden mit grünenden Zweigen bedeckt. Dies kann als Metapher für das Überdecken von Schmerz mit Hoffnung und Leben verstanden werden. Der Sprecher beobachtet, dass bei individuellem Leid jeder einen grünenden Zweig legt, während bei kollektivem Leid ein allgemeines Lachen herrscht. Dieses Lachen ist nicht schmerzhaft, sondern eher eine Art von Katharsis, die den Schmerz überdeckt. Der Sprecher wünscht sich eine Welt, in der alle, die das Gefühl der Einsamkeit und des Leids verspottet haben, geweckt werden und jene, die zu sehr auf ihre Gefühle achten, necken. Am Ende hofft er auf eine Rückkehr zu einem "sicheren Wetter" und einer Erde, auf der alle Retter des alten Glücks sind.

Schlüsselwörter

lachen schmerz leg rachen leu nie will ruhig

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung von 's' in 'schrecklich lustig sein'.
Bildsprache
Der Kopf liegt im Rachen des Löwen wie in einem Nachen.
Hyperbel
Die Einsamkeit wird als 'reiche Einsamkeit' beschrieben.
Personifikation
Die 'Empfindung' wird als etwas beschrieben, das necken und überwacht werden kann.
Symbolik
Das 'alte Glück' symbolisiert eine vergangene Zeit der Freude und Zufriedenheit.