Einsamkeit

Charlotte von Ahlefeld

1777

Was ist wahre Einsamkeit? sind wir einsam, wenn das Leben rings von Stille ist umgeben? Wenn die rege Fantasie uns in schaffender Magie neu beseelt mit süßem Streben Bilder der Vergangenheit? - Ist das wahre Einsamkeit?

Oder wenn in stillen Gründen, in des Waldes heil′ger Nacht, Sonnenglanz in reiner Pracht durch die leis′ bewegten Wipfel, durch die glanzumsäumten Gipfel nur verstohlen blickend, lacht, und in den verworrnen Zweigen selbst die kleinen Sänger schweigen?

Oder wenn in dunklen Mauern, in den Kerkers engen Raum, der Gefangene sich kaum darf in seinen Ketten regen, wenn sein Herz mit raschen Schlägen nährt der Hoffnung Göttertraum, und geteilt in Freud′ und Trauern, Ahndungen ihn tief durchschauern?

Nein, nur das ist Einsamkeit, wenn sich Wesen um uns drängen, denen nicht in zarten Klängen sich vernehmbar macht das Herz, oft voll Wärme, oft voll Schmerz - die uns das Gemüt verengen durch der Langeweile Leid - das ist wahre Einsamkeit!

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Illustration zu Einsamkeit

Interpretation

Das Gedicht "Einsamkeit" von Charlotte von Ahlefeld untersucht die Frage, was wahre Einsamkeit ausmacht. Es beginnt mit der Betrachtung verschiedener Situationen, die zunächst als einsam erscheinen könnten, wie das Umgeben-Sein von Stille, das Erinnern an vergangene Bilder durch die Fantasie oder das Alleinsein in der Natur. Diese Szenarien werden jedoch als nicht die wahre Einsamkeit dargestellt. Das Gedicht geht weiter und beschreibt weitere Beispiele, die zunächst als einsam empfunden werden könnten, wie das Alleinsein in der Natur bei Nacht oder die Gefangenschaft in einem dunklen Kerker. Auch diese Situationen werden jedoch nicht als wahre Einsamkeit angesehen, da sie noch von Hoffnung, Träumen oder tiefen Ahnungen durchdrungen sind. Am Ende des Gedichts kommt Charlotte von Ahlefeld zu dem Schluss, dass wahre Einsamkeit nur dann herrscht, wenn man von Menschen umgeben ist, die einem nicht auf emotionaler Ebene verstehen oder begegnen können. Es ist die Einsamkeit inmitten von Menschen, die durch Langeweile und das Fehlen eines tiefen emotionalen Austauschs gekennzeichnet ist. Dies ist die wahre Einsamkeit, die das Gedicht beschreibt.

Schlüsselwörter

einsamkeit wahre herz oft voll einsam leben rings

Wortwolke

Wortwolke zu Einsamkeit

Stilmittel

Alliteration
Langeweile Leid
Bildsprache
Sonnenglanz in reiner Pracht durch die leis' bewegten Wipfel
Frage
Was ist wahre Einsamkeit?
Hyperbel
Göttertraum
Kontrast
Wärme, oft voll Schmerz
Metapher
Gemüt verengen
Personifikation
Ahndungen ihn tief durchschauern
Rhetorische Frage
Ist das wahre Einsamkeit?
Wiederholung
Oder wenn