Einsamkeit

Andreas Gryphius

1650

In dieser Einsamkeit, der mehr denn öden Wüsten, Gestreckt auf wildes Kraut, an die bemooste See: Beschau ich jenes Tal und dieser Felsen Höh′, Auf welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.

Hier, fern von dem Palast; weit von des Pöbels Lüsten, Betracht′ ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh′, Wie, auf nicht festem Grund all unser Hoffen steh′, Wie die vor Abend schmähn, die vor dem Tag uns grüßten.

Die Höll′, der rauhe Wald, der Totenkopf, der Stein, Den auch die Zeit auffrisst, die abgezehrten Bein′ Entwerfen in dem Mut unzählige Gedanken.

Der Mauern alter Graus, dies unbebaute Land Ist schön und fruchtbar mir, der eigentlich erkannt, dass alles, ohn′ ein′ Geist, den Gott selbst hält, muss wanken.

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Illustration zu Einsamkeit

Interpretation

Das Gedicht "Einsamkeit" von Andreas Gryphius ist eine tiefgründige Betrachtung über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Suche nach innerem Frieden fernab der Gesellschaft. Der Sprecher befindet sich in einer einsamen, fast wüstenartigen Landschaft, die er als Ort der Reflexion und Erkenntnis nutzt. Er beobachtet das Tal und die Felsen, die nur von Eulen und stillen Vögeln bewohnt werden, und findet in dieser Abgeschiedenheit einen Raum für seine Gedanken. In der zweiten Strophe wendet sich der Sprecher der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins zu. Er reflektiert über die Eitelkeit des Menschen und die Unsicherheit aller Hoffnungen, die auf einem nicht festen Grund stehen. Die Wendung, dass diejenigen, die am Abend verachtet werden, am Morgen noch gegrüßt wurden, unterstreicht die Vergänglichkeit und Unbeständigkeit menschlicher Beziehungen und des Lebens selbst. Die letzte Strophe führt das Thema der Vergänglichkeit weiter aus. Der Sprecher erwähnt Symbole des Todes und der Vergänglichkeit wie die Hölle, den rauen Wald, den Totenschädel und den Stein, der selbst von der Zeit zernagt wird. Doch anstatt diese Symbole als bedrohlich zu empfinden, findet der Sprecher in ihnen eine Quelle unzähliger Gedanken. Die verfallenen Mauern und das unbebaute Land erscheinen ihm schön und fruchtbar, weil er erkannt hat, dass alles, außer dem Geist, den Gott selbst hält, wanken muss. Diese Erkenntnis verleiht ihm eine tiefe Zufriedenheit und Gelassenheit in seiner Einsamkeit.

Schlüsselwörter

einsamkeit mehr öden wüsten gestreckt wildes kraut bemooste

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Stilmittel

Bildsprache
Beschau ich jenes Tal und dieser Felsen Höh′, Auf welchem Eulen nur und stille Vögel nisten
Erkenntnis
der eigentlich erkannt, dass alles, ohn′ ein′ Geist, den Gott selbst hält, muss wanken
Ironie
Wie die vor Abend schmähn, die vor dem Tag uns grüßten
Kontrast
Der Mauern alter Graus, dies unbebaute Land Ist schön und fruchtbar mir
Symbolik
Die Höll′, der rauhe Wald, der Totenkopf, der Stein