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Einharts Wanderschicksal

Von

November 1878.

Auch einer, der’s erfahren,
Der’s gründlich hat erkannt,
Wie man mit Dichterwaaren
Umspringt im deutschen Land.

Du sehntest dich nach Seelen
Und zogst vertrauend aus,
Sie werden dir nicht fehlen,
Und giengst von Haus zu Haus.

Du fandest Leder, Leder,
Wo sonst die Seele sitzt,
Fandst ohne Kopf die Feder
Zum Stiche schon gespitzt.

Die Feder? Nein, der Besen,
Aus Reisig, dick und schwer,
Wischt, eh‘ man nur gelesen,
Breit über dich daher.

Man greift zum Abwischlumpen
Und packt dich an dem Schopf
Und schlägt den wüsten, plumpen
Dir platschend um den Kopf.

»Was ist denn das für Einer?
So Einen mag man nicht!
Hat von uns allen keiner
Doch so ein fremd Gesicht.

»Weg mit der Zunft der Narren,
Fort mit der Käuze Zunft!
Wir wollen keine Sparren,
Wir lieben die Vernunft.

»Ein ordentlicher Dichter,
Der ist kein solcher Thor,
Von unserem Gelichter
Führt er uns Leute vor.

»Du machst uns einen Grusel,
Denn sieh, du denkst zu viel!
Ein angenehmer Dusel
Ist Dichters Werk und Ziel.

»Auch bist du uns zu gröblich,
Decenz vermißt man da,
Uns zog zum Anstand löblich
Mama und auch Papa.«

So pocht an tausend Pforten
Umsonst das arme Buch,
Da trägt zum grauen Norden
Es hin des Schicksals Fluch.

Dort an des Reiches Sitze,
Im Geistrevier der Spree,
Dort, wo der Bildung Spitze,
Wie gieng dir’s da, o weh!

Eine Gansschaar kam gestiegen
In langem Schwesterreih’n,
Am Wege sah dich liegen
Ein trippelnd Gänselein,

Goldgelb, flaumweich wie Butter;
Es knuspert dran herum
Und spürt kein Gänsefutter
Und piepst: »Das Ding ist dumm!

»Es wird mir schlimm! Potz Wetter!
Schon stellt ein Drang sich ein!«
Es richtet auf die Blätter
Sein wuslich Schwätzerlein,

Schußfertig läßt es fallen
Ein grasgrün Klitterlein. –
Zwei Herrn vorüberwallen
Und rufen: »Ei! wie fein!«

Sie greifen nach dem Drecklein
Und wickeln’s in ein Blatt
Und reichen es als Schlecklein
Der lieben Reichshauptstadt.

Blaustrumpf und Blaustrumpfritter
Macht sich darüber her
Und all‘ und jeden Zwitter
Beglückt der haugoût sehr.

Man schnupft, man klatscht immense:
Man ruft: Wie riecht das schön!
Wie k . . . . n doch die Gänse
Geistreich in Spree-Athen!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Einharts Wanderschicksal von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Einharts Wanderschicksal“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine bittere Satire auf die Rezeption von Kunst und Literatur in Deutschland im späten 19. Jahrhundert. Es erzählt in der Form einer allegorischen Wanderung des Buches von Einhart von Tür zu Tür, wobei es überall auf Ablehnung und Missverständnis stößt. Die Metapher der Wanderschaft erlaubt es Vischer, die Reise als eine Reise des Geistes zu zeichnen, der auf eine gleichgültige, engstirnige und letztlich triviale Gesellschaft trifft.

Die ersten Strophen schildern die Enttäuschung des Buches und seines Autors, der nach Anerkennung sucht, aber nur auf Ignoranz und Verriss stößt. Das Gedicht kritisiert die vorherrschenden ästhetischen Werte, die Einfachheit, Unterhaltung und eine Oberflächlichkeit bevorzugen, die dem Werk der Dichtung und des Geistes nicht gerecht wird. Stattdessen begegnen dem Werk Klischees und Vorurteile. Die im Gedicht genannten „Narren“ und „Käuze“ scheinen somit nicht der Dichter selbst, sondern die breite Masse zu sein, die nicht bereit ist, sich mit tieferen Gedanken auseinanderzusetzen.

Die satirische Spitze des Gedichts kulminiert in der Begegnung des Buches mit einer Gänse-Scharr, die das Werk schließlich als „dumm“ aburteilt und ihren „grasgrünen Klitterlein“ (Kot) auf die Blätter wirft. Dieser Moment ist eine beißende Kritik an der gesellschaftlichen Elite, die oberflächlichen Trends und dem „Geist“ der Zeit erlegen ist. Das „Drecklein“ wird von ihnen geschätzt und als „Schlecklein“ gefeiert, was eine groteske Verkehrung der Werte darstellt und die Verkommenheit des Geschmacks der literarischen Welt verdeutlicht.

Die Sprache des Gedichts ist ironisch, sarkastisch und voll von versteckten Anspielungen, die eine zusätzliche Ebene der Kritik hinzufügen. Der Wechsel von Hochsprache zu vulgären Ausdrücken wie „Drecklein“ verstärkt den Kontrast zwischen dem Anspruch der Kunst und der Ablehnung durch die Gesellschaft. Vischer zeichnet so das Bild einer Gesellschaft, die sich durch Ignoranz, Geschmacksverirrung und einem Hang zur Oberflächlichkeit auszeichnet. Das Gedicht stellt somit eine bittere Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts dar, in der echte Kunst und intellektuelle Tiefe keinen Platz fanden.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.