Einharts Wanderschicksal

Friedrich Theodor Vischer

1831

November 1878.

Auch einer, der’s erfahren, Der’s gründlich hat erkannt, Wie man mit Dichterwaaren Umspringt im deutschen Land.

Du sehntest dich nach Seelen Und zogst vertrauend aus, Sie werden dir nicht fehlen, Und giengst von Haus zu Haus.

Du fandest Leder, Leder, Wo sonst die Seele sitzt, Fandst ohne Kopf die Feder Zum Stiche schon gespitzt.

Die Feder? Nein, der Besen, Aus Reisig, dick und schwer, Wischt, eh’ man nur gelesen, Breit über dich daher.

Man greift zum Abwischlumpen Und packt dich an dem Schopf Und schlägt den wüsten, plumpen Dir platschend um den Kopf.

»Was ist denn das für Einer? So Einen mag man nicht! Hat von uns allen keiner Doch so ein fremd Gesicht.

»Weg mit der Zunft der Narren, Fort mit der Käuze Zunft! Wir wollen keine Sparren, Wir lieben die Vernunft.

»Ein ordentlicher Dichter, Der ist kein solcher Thor, Von unserem Gelichter Führt er uns Leute vor.

»Du machst uns einen Grusel, Denn sieh, du denkst zu viel! Ein angenehmer Dusel Ist Dichters Werk und Ziel.

»Auch bist du uns zu gröblich, Decenz vermißt man da, Uns zog zum Anstand löblich Mama und auch Papa.«

So pocht an tausend Pforten Umsonst das arme Buch, Da trägt zum grauen Norden Es hin des Schicksals Fluch.

Dort an des Reiches Sitze, Im Geistrevier der Spree, Dort, wo der Bildung Spitze, Wie gieng dir’s da, o weh!

Eine Gansschaar kam gestiegen In langem Schwesterreih’n, Am Wege sah dich liegen Ein trippelnd Gänselein,

Goldgelb, flaumweich wie Butter; Es knuspert dran herum Und spürt kein Gänsefutter Und piepst: »Das Ding ist dumm!

»Es wird mir schlimm! Potz Wetter! Schon stellt ein Drang sich ein!« Es richtet auf die Blätter Sein wuslich Schwätzerlein,

Schußfertig läßt es fallen Ein grasgrün Klitterlein. – Zwei Herrn vorüberwallen Und rufen: »Ei! wie fein!«

Sie greifen nach dem Drecklein Und wickeln’s in ein Blatt Und reichen es als Schlecklein Der lieben Reichshauptstadt.

Blaustrumpf und Blaustrumpfritter Macht sich darüber her Und all’ und jeden Zwitter Beglückt der haugoût sehr.

Man schnupft, man klatscht immense: Man ruft: Wie riecht das schön! Wie k . . . . n doch die Gänse Geistreich in Spree-Athen!

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Illustration zu Einharts Wanderschicksal

Interpretation

Das Gedicht "Einharts Wanderschicksal" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die Erfahrungen eines Dichters, der mit seinen Werken im deutschen Land auf Ablehnung und Verachtung stößt. Der Dichter sehnt sich nach Seelen und zieht vertrauend aus, doch findet er nur Leder statt Seele und Feder ohne Kopf zum Stechen. Er wird mit Besen und Lumpen behandelt, als ob er ein lästiges Insekt wäre. Die Menschen, denen er begegnet, verachten ihn als Narren und Kauz, der nicht der Vernunft entspricht. Sie fordern einen ordentlichen Dichter, der sie nicht gruselt und ihnen einen angenehmen Dusel bietet. Sie kritisieren ihn als zu gröblich und anstößig, ohne Decenz. Das Gedicht "Einharts Wanderschicksal" von Friedrich Theodor Vischer erzählt von einem Dichter, der vergeblich an tausend Pforten klopft und schließlich vom Schicksal in den grauen Norden getragen wird. Dort, an der Stelle der Bildung und des Geistes, der Spree, ergeht es ihm noch schlimmer. Eine Gansschar kommt vorbei und ein trippelndes Gänselein entdeckt ihn. Das Gänselein, goldgelb und flaumweich wie Butter, knuspert an ihm herum und findet ihn dumm. Es spürt einen Drang und lässt ein grasgrünes Klitterlein fallen. Zwei Herren kommen vorbei und rufen: "Ei! Wie fein!" Sie nehmen das Drecklein, wickeln es in ein Blatt und bringen es als Leckerbissen in die Reichshauptstadt. Dort machen sich Blaustrümpfe und Blaustrumpfritter darüber her und alle Zwitter sind hocherfreut über den Hauch von Geist. Man schnupft, klatscht und ruft: "Wie riecht das schön! Wie geistreich doch die Gänse in Spree-Athen!"

Schlüsselwörter

haus leder kopf feder zunft lieben kein spree

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Stilmittel

Alliteration
Schußfertig läßt es fallen Ein grasgrün Klitterlein
Anapher
»Ein ordentlicher Dichter, Der ist kein solcher Thor, Von unserem Gelichter Führt er uns Leute vor
Bildsprache
Sie greifen nach dem Drecklein Und wickeln's in ein Blatt
Enjambement
Eine Gansschaar kam gestiegen In langem Schwesterreih'n, Am Wege sah dich liegen Ein trippelnd Gänselein
Hyperbel
Man schnupft, man klatscht immense
Ironie
Und reichen es als Schlecklein Der lieben Reichshauptstadt
Kontrast
Von unserem Gelichter Führt er uns Leute vor
Metapher
Du fandest Leder, Leder, Wo sonst die Seele sitzt
Onomatopoesie
piepst
Personifikation
Wischt, eh' man nur gelesen, Breit über dich daher
Reimschema
Das Gedicht folgt einem konsistenten Reimschema (ABAB)
Symbolik
das arme Buch, Da trägt zum grauen Norden Es hin des Schicksals Fluch
Vergleich
Goldgelb, flaumweich wie Butter
Wortspiel
Wie k . . . . n doch die Gänse Geistreich in Spree-Athen