Einer Toten

Conrad Ferdinand Meyer

1825

Wie fühl ich heute deine Macht, Als ob sich deine Wimper schatte Vor mir auf diesem ampelhellen Blatte Um Mitternacht! Dein Auge sieht Begierig mein entstehend Lied.

Dein Wesen neigt sich meinem zu, Du bists! Doch deine Lippen schweigen, Und liesest du ein Wort, das zart und eigen, Bists wieder du, Dein Herzensblut, Indes dein Staub im Grabe ruht.

Mir ist, wann mich dein Atem streift, Der ich erstarkt an Kampf und Wunden, Als seist in deinen stillen Grabesstunden Auch du gereift An Liebeskraft, An Willen und an Leidenschaft.

Die Marmorurne setzten dir Die Deinen - um dich zu vergessen, Sie erbten, bauten, freiten unterdessen, Du lebst in mir! Wozu beweint? Du lebst und fühlst mit mir vereint!

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Illustration zu Einer Toten

Interpretation

Das Gedicht "Einer Toten" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt die tiefe Verbindung des lyrischen Ichs zu einer verstorbenen Person. Das Ich fühlt die Macht der Toten, als ob ihr Schatten auf einem Buch ruht und ihr Auge das entstehende Lied begierig betrachtet. Obwohl die Lippen der Toten schweigen, spürt das Ich ihre Gegenwart und empfindet, dass ihr Wesen sich seinem zuwendet. Das lyrische Ich empfindet eine starke emotionale Bindung zur Verstorbenen, die durch den Atemkontakt noch verstärkt wird. Es fühlt sich durch Kämpfe und Wunden gestärkt und glaubt, dass auch die Tote in ihren stillen Grabesstunden an Liebeskraft, Willen und Leidenschaft gereift ist. Die Marmorurne, die die Angehörigen der Toten aufgestellt haben, symbolisiert den Versuch, sie zu vergessen, während das lyrische Ich die Verstorbene in sich weiterleben lässt. Die Angehörigen der Toten haben ihr Erbe angetreten, gebaut und geheiratet, während das lyrische Ich die Verstorbene in sich weiterleben lässt. Die Frage "Wozu beweint?" deutet darauf hin, dass Trauer überflüssig ist, da die Tote in dem Ich weiterlebt und sich mit ihm vereint fühlt. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die Tote lebt und sich mit dem Ich vereint fühlt, was die unsterbliche Natur der Liebe und Erinnerung unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Die Marmorurne setzten dir Die Deinen - um dich zu vergessen, Sie erbten, bauten, freiten unterdessen, Du lebst in mir! Wozu beweint? Du lebst und fühlst mit mir vereint!
Personifikation
Dein Auge sieht Begierig mein entstehend Lied.