Einer jungen Freundin ins Stammbuch

Friedrich von Schiller

1796

Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen Umhüpft, so, Freundin, spielt um dich die Welt! Doch so, wie sie sich malt in deinem Herzen, In deiner Seele schönen Spiegel fällt - So ist sie nicht. Die stillen Huldigungen, Die deines Herzens Adel dir errungen, Die Wunder, die du selbst getan, Die Reize, die dein Dasein ihm gegeben, Die rechnest du für Reize diesem Leben, Für schöne Menschlichkeit uns an. Dem holden Zauber nie entweihter Jugend, Dem Talisman der Unschuld und der Tugend - Den will ich sehn, der diesem trotzen kann!

Froh taumelst du im süßen Überzählen Der Blumen, die um deine Pfade blühn, Der Glücklichen, die du gemacht, der Seelen, Die du gewonnen hast, dahin. Sei glücklich in dem lieblichen Betruge! Nie stürze von des Traumes stolzem Fluge Ein trauriges Erwachen dich herab. Den Blumen gleich, die deine Beete schmücken, So pflanze sie - nur den entfernten Blicken! Betrachte sie, doch pflücke sie nicht ab. Geschaffen nur die Augen zu vergnügen - Welk werden sie zu deinen Füßen liegen, Je näher dir, je näher ihrem Grab!

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Illustration zu Einer jungen Freundin ins Stammbuch

Interpretation

Das Gedicht "Einer jungen Freundin ins Stammbuch" von Friedrich von Schiller richtet sich an eine junge Freundin und beschreibt die Welt aus ihrer Perspektive. Die Welt erscheint ihr als ein Ort voller Grazie und Scherze, umgeben von Schönheit und Glück. Doch Schiller warnt sie davor, dass diese Wahrnehmung nicht der Realität entspricht. Die Stille Huldigungen und Wunder, die sie selbst erlebt und geschaffen hat, werden von ihr fälschlicherweise als allgemeine Eigenschaften des Lebens angesehen. Die Unschuld und Tugend der Jugend sind ein Talisman, der stark genug sein muss, um den Herausforderungen des Lebens standzuhalten. Schiller ermutigt die junge Freundin, sich in der Illusion des Glücks zu sonnen und die Schönheit der Blumen, die ihren Weg schmücken, zu bewundern. Er rät ihr, glücklich in diesem schönen Betrug zu sein und nicht von den Träumen herabgestürzt zu werden. Die Blumen sollen nur für die Augen bestimmt sein und nicht gepflückt werden, da sie welken und zu ihren Füßen liegen würden, je näher sie dem Grab kommen. Dies symbolisiert die Vergänglichkeit der Schönheit und des Glücks im Leben.

Schlüsselwörter

reize nie blumen näher blühend kind grazien scherzen

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Stilmittel

Alliteration
froh taumelst du im süßen Überzählen
Hyperbel
Die Wunder, die du selbst getan
Kontrast
So ist sie nicht. Die stillen Huldigungen, Die deines Herzens Adel dir errungen
Metapher
des Traumes stolzem Fluge
Personifikation
Welk werden sie zu deinen Füßen liegen
Symbolik
Dem Talisman der Unschuld und der Tugend
Vergleich
Den Blumen gleich, die deine Beete schmücken