Einem Weltling

Betty Paoli

1845

Fruchtlos hab′ in Schmerzenstoben Ich vor dir geweint, geras′t; Und die Welt, sie wird dich loben, Daß du mich verlassen hast.

Rühmend wird sie zu dir sagen: “Kluger Mann, der, stark und fest, Durch gebrochner Seelen Klagen Nimmer sich beirren läßt;”

“Dessen Wille gleich dem Pfeile Rastlos fliegt zum Ziele fort, Ob er auch in seiner Eile Ein befreundet Herz durchbohrt!”

“Kluger Mann, der zum Beleid′gen Solche Opfer sich erkürt, Die zu rächen, zu vertheid′gen Sich kein Mensch auf Erden rührt!”

“Kluger Mann, der alte Bande, Wenn sie lästig werden, bricht!” - Sag! fühlst du die ew′ge Schande, Die aus solchem Lobe spricht?

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Illustration zu Einem Weltling

Interpretation

Das Gedicht "Einem Weltling" von Betty Paoli ist eine eindringliche Kritik an einem Menschen, der seine Mitmenschen rücksichtslos für seinen eigenen Vorteil opfert. Die lyrische Ich-Figur hat vergeblich in Schmerzen und Wut vor dem "Weltling" geweint und gewütet, doch die Welt wird diesen für das Verlassen der Ich-Figur loben. Sie wird ihn als "klugen Mann" preisen, der durch die Klagen gebrochener Seelen nicht beirrt wird und dessen Wille unaufhaltsam seinem Ziel entgegenstrebt, selbst wenn er dabei ein befreundetes Herz durchbohrt. Die Welt wird den "Weltling" dafür rühmen, dass er alte Bande bricht, wenn sie lästig werden, und dass er sich solche Opfer erwählt, deren Rache und Verteidigung sich kein Mensch auf Erden antut. Das Gedicht verdeutlicht, dass der "Weltling" in den Augen der Gesellschaft als klug und stark gilt, weil er sich nicht von den Gefühlen und Bedürfnissen anderer beirren lässt. Er wird für seine Rücksichtslosigkeit und seinen Egoismus gelobt, da er seine Ziele konsequent verfolgt, ohne Rücksicht auf Verluste. Die letzte Strophe des Gedichts wendet sich direkt an den "Weltling" und fragt, ob er die ewige Schande fühlt, die aus solchem Lob spricht. Die lyrische Ich-Figur stellt die gesellschaftliche Bewertung des "Weltlings" in Frage und impliziert, dass sein Verhalten in Wahrheit verachtenswert ist. Das Gedicht wirft die Frage auf, ob der Preis des Erfolgs und der Anerkennung in einer solchen Gesellschaft nicht zu hoch ist, wenn er auf dem Rücken anderer erkauft wird.

Schlüsselwörter

kluger mann gen fruchtlos hab schmerzenstoben geweint geras

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Stilmittel

Anapher
Fruchtlos hab' in Schmerzenstoben / Ich vor dir geweint, geras't; / Und die Welt, sie wird dich loben, / Daß du mich verlassen hast.
Metapher
Dessers Wille gleich dem Pfeile / Rastlos fliegt zum Ziele fort
Personifikation
Die zu rächen, zu vertheid'gen / Sich kein Mensch auf Erden rührt
Rhetorische Frage
Sag! fühlst du die ew'ge Schande, / Die aus solchem Lobe spricht?