Einem Kind zu einer Puppe
1902Wiege, Kind, das wunderbare Wesen, das im Arm du hast! Ohne Leben scheint es fast Mit dem aufgeklebten Haare. Auf den Wangen die zwei Streife Grellen Rots sind reichlich kühn… Nur das Kleid mit weißer Schleife Ist wie deines, hell und grün.
Wichtiges ist jetzt zu tun: Ihm ein wenig Brei zu reichen, Kleines Kissen glattzustreichen. Es will essen, es will ruhn. Manchmal freilich nippt es bloß, Statt dass es den Teller rein isst… Doch bedenk, dass es noch klein ist, Und du selber bist schon groß!
Schau, es lässt sich besser an! Setz das Ding nur auf und nieder - Wie es da die Augenlider Öffnen schon und schließen kann! Jedes Spiel, das du gespielt, Bring ihm bei, und die Befehle Gib ihm, die man dir befiehlt, Bis es lebt mit deiner Seele,
Bis es lacht und weint wie du! Wie du’s wiegst in deinem Schoße, Wirst du selber, wirst im Nu, Eh du’s dachtest, eine große Lächelnde und ernste Frau. Es schlägt Augen auf wie deine: Zweier süßer Edelsteine Unerschöpflich tiefes Blau!
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Interpretation
Das Gedicht "Einem Kind zu einer Puppe" von Max Kommerell ist eine zarte Betrachtung über die Beziehung zwischen einem Kind und seiner Puppe. Es beginnt mit einer Einladung an das Kind, die wunderbare Natur der Puppe zu erkennen, die es in den Armen hält. Die Puppe erscheint fast leblos, mit aufklebten Haaren und grellen roten Wangen, doch ihr Kleid spiegelt das des Kindes wider, was eine Verbindung zwischen ihnen andeutet. Das Gedicht beschreibt die fürsorglichen Handlungen des Kindes gegenüber der Puppe, wie das Füttern mit Brei und das Glätten des Kissens, was die fürsorgliche Natur des Kindes unterstreicht. Trotz der Unvollkommenheiten der Puppe, wie dem bloßen Nippen statt des vollständigen Essens, wird das Kind ermutigt, Geduld zu haben, da die Puppe noch klein ist und das Kind selbst schon größer. Diese Interaktion symbolisiert die Rolle des Kindes als Fürsorger und Lehrer. Im letzten Teil des Gedichts wird die tiefe emotionale Bindung zwischen Kind und Puppe betont. Das Kind lehrt die Puppe alle Spiele und Befehle, bis sie mit seiner Seele lebt, lacht und weint wie es selbst. Diese Verbindung führt zu einer metaphorischen Verwandlung des Kindes in eine "lächelnde und ernste Frau", was auf die Reifung und das Erwachsenwerden durch die Pflege und das Spielen mit der Puppe hindeutet. Die Puppe wird als Spiegelbild des Kindes dargestellt, mit tiefblauen Augen, die die Tiefe und Reinheit der kindlichen Seele widerspiegeln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Zweier süßer Edelsteine Unerschöpflich tiefes Blau!
- Metapher
- Wiege, Kind, das wunderbare Wesen, das im Arm du hast!
- Personifikation
- Es will essen, es will ruhn.
- Vergleich
- Auf den Wangen die zwei Streife Grellen Rots sind reichlich kühn... Nur das Kleid mit weißer Schleife Ist wie deines, hell und grün.