Einem jungen Freunde

Anastasius Grün

1806

Noch als ein junges Bürschlein zog Dein Vater, – jetzt in Silberhaaren, – Als dieses Liederbuch vor Jahren Zum erstenmal ins Weite flog. Das klang wie Schwertschlag auf den Schild, Da, aus dem Schlummer aufgerüttelt, Hat Mancher arg das Haupt geschüttelt: »Wie weit voraus, wie rasch und wild!«

Du bist so jung, wie damals wir, Dein Antlitz blüht, dein Aug’ ist helle; Heut schwingt mein Lied an deiner Schwelle In neuem Kleid sein alt Panier. Das rauscht dir fremd und wundersam; Die Blätter seh’ ich dich durchfliegen, Dein freundlich Haupt bedenklich wiegen: »Wie weit zurück, wie mild und zahm!«

Ich blick’ ins Aug’ dem eignen Lied: Ach, wie die Zeit in stillem Gange Auch Liedern bleicht Gelock’ und Wange Und Furchen in ihr Antlitz zieht! Fremd sieht’s mich an und doch vertraut, Ein Kind, das längst zum Manne reifte Und eignen Pfad’s die Welt durchschweifte, Doch trägt’s des Vaters Zug und Laut.

Und Beßres noch! Im Busen tief, Was heute dich und mich vereine: Den deutschen Herzschlag, wie der deine, Den Morgenruf, den einst es rief, Den Glauben an des Geistes Hort, Zu neuen Flammen alte Liebe, Zu neuem Kampf die alten Hiebe, In Luft und Weh ein Manneswort!

Das deutsche Wort auf Oestreichs Mund, Die deutsche That in Oestreichs Herzen! So wird es leis und lind verschmerzen, Wovon ihm noch die Seele wund. Was hilft’s, daß Geister wir gebannt Und edle Schatten jetzt verschrieben? Zu spät! Nur Schatten sind’s! Wo blieben Theresens Blick und Joseph’s Hand?

Nicht was da badert, salbt und kerbt Im Tagwerk heut, schließt alte Wunden Und macht das kranke Blut gesunden Vom Ahn auf Enkelreihn vererbt; Nicht das Gewürm, das heut uns sticht, Die Flatt’rer nicht um unsre Zinnen, Jahrhunderte voll Mühsal spinnen Der Völker Loos und letzt Gericht.

Aus ihren Schleiern läßt die Zeit Im Fürstenkreis ein Mönchbild ragen, Zu Worms sein mahnend Wort zu sagen: »Nur Heil dem Geiste, der befreit!« Weit leuchtend in des Sehers Hand Ein funkelnd Kleinod seh’ ich blinken, Wie einer Krone goldne Zinken, Der jenes Wort umsäumt den Rand.

Die alte Römerkron’ ist’s nicht, Der Schmuck und Sold in röm’scher Frohne, Nein, Deutschlands stolze Zukunftskrone, Die eignem Sieg das Volk einst flicht! – Ein Deutsch, wie jenes Mahnwort spricht, Der span’sche Carl hat’s nicht verstanden, Nicht Andre, die nach ihm sich fanden, Ihr Enkel trägt die Krone nicht.

Wir kämpften nicht den heil’gen Krieg, Ein schöner Kranz blieb uns entzogen; Doch rauscht’ auch uns in Freudenwogen Durchs deutsche Herz der deutsche Sieg. Auch unser blieb, was er errang, Die Sterne, deren Licht uns lenke, Die Quellen, deren Born uns tränke, In hellerm Glanz, in vollerm Klang!

Das Schwert durchschnitt das Tischtuch leicht, Ein schmollend Brüderpaar zu scheiden; Den Marmortisch kann’s nicht durchschneiden, Darüber sich’s die Hand gereicht. Nicht unterm Grenzstein gräbst du ein Das schöne Heim, das du besessen, Wie ihrer Wiege längst vergessen Die stille Muschel dort im Schrein.

Die Muschel dort? Was sie verlor, Ob sie vergaß der frühern Tage? Ei, frag sie selbst, daß sie dir’s sage! Die Schnecke hielt ich an mein Ohr, Da wallt’s heran aus Fernen weit, Ich hör’ es branden, orgeln, sausen, Und mich umrauscht im Wogenbrausen Des Weltmeers ganze Herrlichkeit.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Einem jungen Freunde

Interpretation

Das Gedicht "Einem jungen Freunde" von Anastasius Grün beschäftigt sich mit den Themen Zeit, Veränderung und der Verbundenheit zur deutschen Kultur und Geschichte. Der Dichter reflektiert über die Vergänglichkeit der Zeit und wie sich sowohl er selbst als auch sein junges Gegenüber im Laufe der Jahre verändert haben. Während der Vater des jungen Freundes einst ein junger Mann war, als das Liederbuch zum ersten Mal erschien, ist der Dichter selbst nun älter und blickt auf die Vergangenheit zurück. Der Dichter betont die Bedeutung des deutschen Herzschlags und des Glaubens an den Geist als verbindendes Element zwischen ihm und dem jungen Freund. Er ruft zu neuem Kampf und zur Wiederbelebung alter Liebe auf, um die deutsche Kultur und Identität zu stärken. Dabei kritisiert er die politische Situation in Österreich und fordert eine Befreiung des Geistes. In den letzten Strophen des Gedichts verwendet der Dichter die Metapher der Muschel, um die Vergänglichkeit der Zeit und die Verbundenheit zur Vergangenheit zu verdeutlichen. Die Muschel symbolisiert die Wiege und die Vergangenheit, die zwar vergessen sein mag, aber dennoch in uns weiterlebt. Der Dichter hört in der Muschel das Rauschen des Weltmeeres und fühlt sich von der ganzen Herrlichkeit der Welt umgeben.

Schlüsselwörter

weit deutsche heut alte wort hand klang haupt

Wortwolke

Wortwolke zu Einem jungen Freunde

Stilmittel

Alliteration
Wie weit voraus, wie rasch und wild!
Anapher
Wie weit voraus, wie rasch und wild! Wie weit zurück, wie mild und zahm!
Metapher
Noch als ein junges Bürschlein zog Dein Vater, – jetzt in Silberhaaren, –
Personifikation
Ich blick’ ins Aug’ dem eignen Lied
Symbolik
Die alte Römerkron’ ist’s nicht, Der Schmuck und Sold in röm’scher Frohne, Nein, Deutschlands stolze Zukunftskrone