Einem Gesunden
1907Du schiedest, sanft verklang des Posthorns Schall, Lang wiederholt von Fels und Wasserfall; Mir aber schien’s des alten Berggeists Sang, Der liebevoll dir nach zur Ferne klang:
»So lebe wohl denn, du mein liebster Gast, Der, was ich bieten kann, du selbst schon hast! Nicht lieb’ ich sieche Bettler, die nur flehn, Doch Männer, die als Gleiche vor mir stehn. Erhaben sind, wie meiner Felsen Firn, Die Lichtgedanken einer Mannesstirn; Wie Blumenpracht im Alpenthal mir blüht, So wogt und glüht Gefühl dir im Gemüth; Und wie mein Busen birgt manch gülden Erz, So hegt manch Goldkorn tief und still dein Herz; Wie sich mein Katarakt durch Felsen schlägt, Wallt frei dein Manneswort, trifft und bewegt; Und wie mein Heilquell welke Blumen hebt, Hat deine Huld manch trauernd Herz belebt. – Der so gesund an Seel’ und Körper ist, Nichts kann ich bieten dir; bleib’ wie du bist! Aufrecht und grad’ wie meiner Tannen Schaft, Behend wie meiner Gemsen Federkraft! Das Schneehaupt selbst, wie meiner Gletscher Eis, Ist dir nicht Last, nein, Schmuck und Ehrenpreis! Ein ganzer Mann, dem meine Alpenwelt Den Spiegel eigner Größ’ entgegenhält!«
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Interpretation
Das Gedicht "Einem Gesunden" von Anastasius Grün ist eine Ode an einen gesunden und starken Menschen, der die Berge und die Natur liebt und respektiert. Der Sprecher ist ein Berggeist, der den Abschied des Gastes beobachtet und ihm seine Bewunderung und Zuneigung ausdrückt. Der Berggeist vergleicht die Qualitäten des Gastes mit den majestätischen und erhabenen Merkmalen der Berge. Er lobt seine geistige Stärke, seine emotionale Tiefe, seine Großzügigkeit und seine Redekunst. Er sagt, dass der Gast nichts von den Bergen braucht, weil er schon alles in sich trägt, was die Berge zu bieten haben. Er wünscht ihm, dass er so bleibt, wie er ist: aufrecht, behend, schneehauptig und ein ganzer Mann. Das Gedicht ist ein Lobgesang auf die Gesundheit und die Männlichkeit, die der Berggeist als ideal ansieht. Er bevorzugt Männer, die als Gleiche vor ihm stehen, gegenüber kranken Bettlern, die nur flehen. Er sieht in dem Gast einen Spiegel seiner eigenen Größe und Schönheit, der ihn stolz macht. Er verabschiedet sich von ihm mit einem Segenswunsch und einem Posthornschall, der von den Felsen und Wasserfällen widerhallt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Größ’ entgegenhält
- Hyperbel
- meine Alpenwelt den Spiegel eigner Größ’ entgegenhält
- Metapher
- meine Alpenwelt den Spiegel eigner Größ’ entgegenhält
- Personifikation
- sanft verklang des Posthorns Schall
- Vergleich
- Das Schneehaupt selbst, wie meiner Gletscher Eis