Einem Freunde
1806Glücklicher, dir ward gegeben Gar ein schöner großer Schmerz, Für dein ganzes reiches Leben, Für dein ganzes volles Herz!
Eine Sonnenblume deuten Möcht’ ich deinen tiefen Schmerz, Die, all deine Tageszeiten Grüßend, kreiset um dein Herz.
Wär’s nur Unkraut kleiner Schmerzen, Unmuths dürftig Dornenreis, Spräch’ ich: Reiß’ es aus dem Herzen, Gib es allen Winden preis!
Spräche: Laß es nicht umstricken Wuchernd deinen Lebenspfad, Laß das Schlingkraut nicht erdrücken Deine junge Rosensaat!
Doch es ward im Gartenraume, Welchen sonst du nennst dein Herz, Wohl zum höchsten grünen Baume Dieser heil’ge große Schmerz;
Eine Palme, der Gehege Deines Gartens Kron’ und Preis, Und zu der sich alle Wege Schlängeln schön zurück im Kreis!
Die ihr Haupt hoch in den Himmel, Wurzeln tief zur Erde kehrt, Daß du zweifelst, ob dem Himmel, Ob der Erde sie gehört?
Hingestellt so zwischen beide Als die schönste Mittlerin, Wächst sie aus der Blumenheide Wipfelnd in die Sterne hin.
Laß kein Blättlein ihr entwenden Durch der Lüfte Schmeichelspiel! Laß unheil’ge Hand nicht schänden Ihres Stammes schlanken Kiel!
Halte fern die Epheuranken, Welche Menschentrost drum schwellt, Die den Baum nicht machen wanken, Doch durch die sein Schaft entstellt!
Nicht bedarf’s, ihn zu begießen, Deiner Thränen köstlich Naß; Früh- und Abendthaue fließen Ja auf ihn ohn’ Unterlaß.
Aus den stillen grünen Matten Rag’ er schweigend, hoch, allein! Einst in seinem Abendschatten Wird ein süßer Schlummer sein.
Einst an jenem großen Tage, Wenn wir treten allzumal An des Ew’gen Hofgelage In den offnen Himmelssaal:
Da wird bang manch Herz erzittern, Scheu gesenkt sein manch ein Blick; Doch dein Herz, das wird nicht zittern Und nicht senken sich dein Blick.
Und dein Fuß, er wird nicht wanken, Schreiten wirst du fest und grad, Nicht wie Einer, der zu danken, Nein, wie der zu fordern naht!
Wie im Fürstensaal der Arme Stolzen Auges rings erblickt, Daß mit seinem Schweiß und Harme Sich die Majestät hier schmückt!
Wenn du zu des Ew’gen Füßen Einen Blumenozean Siehst in Farbenwogen sprießen, Rufst du frei und kühn hinan:
»Herr, von diesen Rosen eine War schon einst als Knospe mein! Arm ward ich, seit sie die deine, Du nicht reicher, seit sie dein!«
Eine Glorie siehst du wallen, Die das Haupt des Ew’gen kränzt, Aus den Morgenröthen allen, Die der Erde je geglänzt.
Ohne Scheu wirst du nun fragen: »Herr, vom Lichtkranz, der dich ziert, Hätte meinen Erdentagen Nicht wohl auch ein Strahl gebührt?«
Harfen schlagen Engelchöre Um des Allgewalt’gen Thron, Und du rufst mit einer Zähre, Furchtlos, doch im Schmerzenton:
»Herr, es war zum Erdgeleite Einer dieser Engel mein! Du nahmst mir ihn von der Seite, – Hergewankt bin ich allein!«
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Einem Freunde" von Anastasius Grün ist ein tief empfundenes und metaphorisch reiches Werk, das sich mit den Themen Schmerz, Verlust und spiritueller Suche auseinandersetzt. Der Autor verwendet die Metapher eines Baumes, speziell einer Palme, um den Schmerz seines Freundes zu beschreiben, der als eine Art kostbarer, wenn auch schmerzhafter Teil seines Lebens dargestellt wird. Der erste Teil des Gedichts beschreibt den Schmerz als eine Sonnenblume, die um das Herz des Freundes kreist, und vergleicht ihn mit einer Palme, die im Garten des Herzens wächst. Der Dichter fordert den Freund auf, diesen Schmerz zu bewahren und zu schützen, da er eine tiefe und heilige Bedeutung hat. Die Palme wird als Symbol für Stärke und Beständigkeit dargestellt, die zwischen Himmel und Erde vermittelt. Im zweiten Teil des Gedichts wird eine Vision des Jüngsten Gerichts gezeichnet, bei der der Freund mutig vor dem Ewigen steht und seine Rechte einfordert. Der Dichter stellt sich vor, wie der Freund seine Schmerzen und Verluste als wertvolle Erfahrungen präsentiert, die ihn zu dem gemacht haben, der er ist. Die Metapher der Engel und der Glorie um den Thron des Ewigen wird verwendet, um die spirituelle Tiefe und die transformative Kraft des erlittenen Schmerzes zu betonen. Insgesamt ist das Gedicht eine Hommage an die menschliche Fähigkeit, aus Schmerz und Verlust Stärke und spirituelle Erkenntnis zu gewinnen. Es ermutigt den Leser, seinen Schmerz nicht als etwas zu betrachten, das ausgerottet werden muss, sondern als einen integralen Bestandteil seiner Existenz, der ihm letztendlich zu einer tieferen Verbindung mit dem Göttlichen verhilft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Du nahmst mir ihn von der Seite, Hergewankt bin ich allein
- Personifikation
- Die, all deine Tageszeiten Grüßend, kreiset um dein Herz
- Vergleich
- Eine Palme, der Gehege Deines Gartens Kron’ und Preis