Einem auswandernden Freunde
1853Lebewohl, du lieber Pilger, grüße mir den fernen Strand, Wo einst Franklin Weisheit säte, Washington einst fechtend stand; Deine Seele, rein und edel, bleibe drüben so wie hier, Nur der Blick, der trübe, werde heitrer über’m Meere dir!
Lebewohl! – Dein schönes Auge, ach, nie sah ich’s freudenhell, Nur, gleich schwarzer Wolke, schüttelnd einzle Blitze lustiggrell; Doch gesenkt sonst immer neigte wehmutvoll und feierlich, Eine schwarze Trauerfahne, übers Vaterland es sich.
Lebewohl! – Ha, weiße Segel seh’ ich schon im Wind sich bläh’n, Seh’, umglänzt vom Meeresspiegel, dich an Bord des Schiffes steh’n, Das, statt Perlen fremder Meere uns zu zollen, jetzt verkehrt Wohl der schönsten, hellsten eine raubend uns, von dannen fährt.
Lebewohl! – Gleich Liebesboten tragen flink noch durch das Meer Zwischen Schiff und Land die Wellen Abschiedsküsse hin und her, Doch es schifft vom Heimatboden nichts mit dir durch Meeresfluth Als Erinnerung im Herzen und ein grüner Strauß am Hut.
Und es ist, so will’s mich mahnen, dieser Strauß gleich mir und dir: Frische Zweige, festgewunden in den Kranz der Frühlingszier, Und entkeimt dem Heimatboden, der ihm Trieb und Blüthen bot, Und aus dem auch wir gesogen Jugendmuth und Wangenroth.
Lebewohl! – Die Mörser donnern! Stolz entschwebt das Schiff gen West, Wimpel all’ und Flaggen deuten, Fingern gleich, die Bahn gen West; Mit verschränkten Armen seh’ ich an den Mast gelehnt dich steh’n, Aber gegen Ost dein Auge nach der Heimat Küsten späh’n.
Mich bedünkt, es mag das Auge wohl des Herzens Flagge sein, Und dein Herz, dieß edle Schifflein, darf des Augs Verrath nicht scheu’n, Schwer wohl riß es los die Anker, eingebohrt ans Vaterland, Und vielleicht noch blieb manch einer hängen fest am heim’schen Strand.
Drum, o sprich, was lockt dich drüben, das die Heimat dir versagt? Ist’s des Rechts erhabner Leuchtthurm, der dir hell herübertagt? Ist’s der Gnadenort der Freiheit, der Madonna unsrer Zeit? Hast auch du der großen Wallfahrt gläub’gen Volks dich angereiht?
Wie der Kreuzespilger Schaaren einst gen Zions Trümmerrest, Wälzt sich jetzt der Völker Heerzug ins gelobte Land gen West; Ach, wohl wird’s auch euch ergehen, wie sich’s jenen einst begab: Euer Heiland ist erstanden und ihr trefft ein leeres Grab!
Freund, ich weiß, daß allzu üppig uns der Freiheit Baum nicht sprießt Und nur wen’ge der Erkornen mit dem breiten Schirm umschließt Daß bei uns des Rechtes Wage eben andern Wagen gleicht Und, nebst Recht und Unrecht, manches Andre wägt, was schwer und leicht.
Aber soll dein Leid dir sänft’gen heulender Huronensang, Wenn’s dem Feuerlied der Freunde nicht beim deutschen Wein gelang? Soll den Schmerz dir übertäuben Niagaras Donnerhall, Wenn’s bei sanftem Donaurauschen nicht vermocht die Nachtigall?
Traun, ich fürcht’, an keinem Baume in des Urwalds Nachtverließ, Unmuthvoller Argonaute, hängt dir dort dein goldnes Vließ! Und wenn, was du suchst, du fändest, – kannst du schwelgen im Genuß, Eingedenk der Schaar der Freunde, die daheim noch darben muß?
Eins doch weiß ich, und dieß Eine gibt mir Kraft und Zuversicht: Keine Nacht war noch so dunkel, der nicht obgesiegt das Licht, Keines Winters Eis so feste, daß der Lenz es nicht durchhieb, Keines Kerkers Wand so ewig, daß die Zeit sie nicht zerrieb!
Ja, ich weiß es, – denn uns Allen quillt im Herzen manch ein Quell Jenes urgewalt’gen Stromes unversiegbar, bronnenhell, – Segelreich und breit und mächtig durch die Gau’n des Vaterlands Wird der Strom der Freiheit rauschen einst voll Majestät und Glanz!
Ja, ich weiß es, – denn uns Allen, tief und stillverborgen, sprüht Manch ein lichter Funke jenes Morgenrothes im Gemüth, – Ja, des Rechtes klaren Morgen werden wir noch tagend sehn Liederreich in ew’gem Frühroth über unsern Häuptern stehn!
Dann wallst drüben du am Meere; deiner Sehnsucht schwanker Kahn Gleitet auf und ab die Wellen, sucht und flieht der Heimat Bahn; Horch, da klingt’s wie Glockenläuten übers Meer von Osten fern: Das sind unsrer Dome Glocken, grüßend laut den Morgenstern!
Sieh, da wogt zu deinen Füßen roth und röther stets das Meer, Und im Rosenglanze glühen Flur und Himmel rings umher, Urwald selbst und Steppe wollen jetzt ein Rosengarten sein: Das ist unsrer Morgenröthe übersee’scher Widerschein!
Und was will dieß weiße Segel, schwebend auf der glüh’nden Fluth, Wie ein Fürstenbrief der Gnade, der auf rothem Kissen ruht? Ja es ist ein Brief der Liebe, freud’ger Kunde voll, fürwahr, Auf des Meeres Purpurkissen reicht der Ost dem West ihn dar!
Und du wirst die Kunde lesen. Mit entwölktem hellem Blick Nach dem Vaterland, dem freien, steuerst wieder du zurück; Aber statt des schwarzgelockten Jünglingshauptes spiegelt dann Im Kristalle sich des Meeres ein gebeugter greiser Mann.
Doch was ist dir dann die Heimat, deren Leiden du nicht littst, Deren Losung du vergessen, deren Kämpfe du nicht strittst, Deren Banner du nicht schirmtest, deren Reihn du miedest längst Und zu deren Siegesmahlen du, ein fremder Gast, dich drängst?
Und woran soll dann die Heimat dich erkennen noch als Sohn, Fremder Mann, der ihre Sprache spricht entwöhnt, in fremdem Ton, Welch ein Zeichen deiner Abkunft bringst du über Meeresfluth? Ist’s vielleicht der fahle dürre Strauß auf deinen Pilgerhut?
Dieser Strauß, so will mir’s ahnen, wird dann sein gleich mir und dir: Altes Reisig, nimmer taugend in des neuen Lenzes Zier, Längst verdorrt in jener Sonne, die im Ost und West sich gleicht, Mir und dir gefurcht das Antlitz, mir und dir das Haupt gebleicht! –
Drum, ein schöner Fruchtbaum, wurzle du im heim’schen Boden fest, Bringt er dir auch Frost und Stürme, bringt er doch auch Lenz und West! Kreis’ ein Schwan der Hoffnung ruhig auf bewegtem heim’schen Strom, Trage mit als schmucker Pfeiler an des Vaterlandes Dom!
Weiche nicht von uns, o Jüngling! Laß uns All’ in festen Reihn, Hand in Hand und Herz am Herzen, stehn ein Wall von Marmelstein! – Ach, wohl längst schon sieht er nimmer meines Tuches Abschiedsweh’n, Mählich dunkelt’s, und dem Auge ist das Schiff nicht mehr zu seh’n.
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Interpretation
Das Gedicht "Einem auswandernden Freunde" von Anastasius Grün ist ein bewegendes Abschiedsgedicht, das die Gefühle und Gedanken des lyrischen Ichs über die Auswanderung eines Freundes zum Ausdruck bringt. Das Gedicht ist in sieben Strophen unterteilt, die jeweils einen eigenen thematischen Schwerpunkt haben. In der ersten Strophe verabschiedet sich das lyrische Ich von seinem Freund und wünscht ihm eine gute Reise in die Neue Welt, wo einst Franklin und Washington lebten. Es hofft, dass sein Freund dort glücklich wird und seine Traurigkeit überwindet. Die zweite Strophe beschreibt die Traurigkeit des Freundes, der immer einen traurigen Blick hat. Das lyrische Ich vergleicht seinen Blick mit einer schwarzen Trauerfahne, die über dem Vaterland weht. In der dritten Strophe sieht das lyrische Ich, wie das Schiff seines Freundes ablegt und in den Sonnenuntergang segelt. Es fühlt sich, als ob das Schiff ihm seinen Freund raubt. Die vierte Strophe beschreibt die Abschiedsküsse, die zwischen Schiff und Land ausgetauscht werden. Das lyrische Ich gibt seinem Freund einen grünen Strauß mit auf die Reise, der ihn an die Heimat erinnern soll. Die fünfte Strophe vergleicht den grünen Strauß mit dem lyrischen Ich und seinem Freund. Sie sind wie frische Zweige, die in den Kranz der Frühlingszier gewunden sind. Sie sind aus dem Heimatboden entsprossen und haben Jugendmut und Wangenroth gesogen. In der sechsten Strophe sieht das lyrische Ich, wie das Schiff seines Freundes in den Westen segelt. Es beobachtet seinen Freund, wie er an den Mast gelehnt steht und mit seinen Augen nach der Heimat Küste späht. Die siebte Strophe fragt das lyrische Ich, was seinen Freund in die Neue Welt gelockt hat. Es fragt sich, ob es die Freiheit oder das Recht war, das ihn angezogen hat. Die achte Strophe vergleicht die Auswanderung mit einer Pilgerfahrt. Das lyrische Ich befürchtet, dass auch die Auswanderer enttäuscht werden, wie die Pilger, die ein leeres Grab vorfanden. Die neunte Strophe beschreibt die Schwierigkeiten, die der Freund in der Neuen Welt erwarten. Das lyrische Ich befürchtet, dass er dort nicht glücklich wird und dass er die Heimat vermissen wird. Die zehnte Strophe gibt dem Freund Mut und Zuversicht. Das lyrische Ich ist überzeugt davon, dass die Freiheit eines Tages auch in der Heimat einkehren wird. Die elfte Strophe beschreibt, wie der Freund eines Tages in die Heimat zurückkehren wird. Er wird dann ein alter Mann sein, aber er wird immer noch die Hoffnung auf Freiheit in seinem Herzen tragen. Die zwölfte Strophe fragt sich, ob der Freund dann noch als Sohn der Heimat anerkannt werden wird. Er wird die Sprache verlernt haben und ein Fremder sein. Die dreizehnte Strophe beschreibt den grünen Strauß, den der Freund auf seiner Reise mitgenommen hat. Er wird alt und vertrocknet sein, wie der Freund selbst. Die vierzehnte Strophe fordert den Freund auf, in der Heimat zu bleiben. Er soll sich wie ein schöner Fruchtbaum im heimischen Boden verwurzeln und zum Pfeiler des Vaterlandes werden. Die fünfzehnte Strophe ist ein Appell an den Freund, nicht von der Heimat wegzugehen. Er soll mit den anderen zusammenstehen und einen Wall aus Marmorstein bilden. Die sechzehnte Strophe beschreibt, wie das Schiff des Freundes im Dunkeln verschwindet. Das lyrische Ich ist traurig, dass es seinen Freund nicht mehr sehen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wie der Kreuzespilger Schaaren einst gen Zions Trümmerrest
- Anapher
- Lebewohl! – Dein schönes Auge, ach, nie sah ich’s freudenhell
- Anspielung
- Wie der Kreuzespilger Schaaren einst gen Zions Trümmerrest
- Beschwörung
- Weiche nicht von uns, o Jüngling! Laß uns All’ in festen Reihn
- Bildsprache
- Die Mörser donnern! Stolz entschwebt das Schiff gen West
- Enjambement
- Lebewohl, du lieber Pilger, grüße mir den fernen Strand, Wo einst Franklin Weisheit säte, Washington einst fechtend stand
- Hyperbel
- Dein Herz, dieß edle Schifflein, darf des Augs Verrath nicht scheu’n
- Ironie
- Ach, wohl wird’s auch euch ergehen, wie sich’s jenen einst begab: Euer Heiland ist erstanden und ihr trefft ein leeres Grab!
- Kontrast
- Freund, ich weiß, daß allzu üppig uns der Freiheit Baum nicht sprießt
- Metapher
- Lebewohl, du lieber Pilger, grüße mir den fernen Strand
- Metonymie
- Soll den Schmerz dir übertäuben Niagaras Donnerhall
- Parallelismus
- Hand in Hand und Herz am Herzen, stehn ein Wall von Marmelstein!
- Personifikation
- Deine Seele, rein und edel, bleibe drüben so wie hier
- Rhetorische Frage
- Drum, o sprich, was lockt dich drüben, das die Heimat dir versagt?
- Symbolik
- Und es ist, so will’s mich mahnen, dieser Strauß gleich mir und dir
- Vergleich
- Doch gesenkt sonst immer neigte wehmutvoll und feierlich, Eine schwarze Trauerfahne, übers Vaterland es sich
- Übertreibung
- Keine Nacht war noch so dunkel, der nicht obgesiegt das Licht