Eine trübe Stunde

Luise Büchner

1862

Das hab′ ich wohl erfahren In manchen bitt′ren Jahren, Es giebt für mich kein Glück! Wo Andre Rosen brechen, Mich nur die Dornen stechen: So will es mein Geschick.

Nie streckt′ ich meine Hände Nach reichster Glückesspende, Ich brauche wenig nur: Ein freundliches Verstehen, Ein geistiges Umwehen, Und Trösterin Natur.

Allein: »du sollst entbehren, Entbehrend dich verzehren!« So sprach das Leben hart. Was nützet eitle Klage, Was nützet mir die Frage, Warum dies Loos mir ward?

Ich gehe ruhig weiter, Geduld ist mein Begleiter, Ein kalter, trockner Freund; Regt sich mein Geist zum Kämpfen, Wird er den Aufschwung dämpfen, Daß er sich selbst verneint!

Hebt Phantasie die Schwingen, Entzückung mir zu bringen, Die meine Sehnsucht stillt; Flieh′ ich zurück zur Wahrheit Und seh′ in bitt′rer Klarheit, Es war ein täuschend Bild.

Ist′s wahr, daß solche Seelen, Die sich nichts mehr verhehlen, Schon sind des Todes Raub - Muß bald mein Geist entschweben, Dies täuschungsleere Leben Hinsinken in den Staub!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Eine trübe Stunde

Interpretation

Das Gedicht "Eine trübe Stunde" von Luise Büchner beschreibt die Erfahrung einer Person, die stets Pech und Enttäuschungen erlebt. Sie fühlt sich vom Schicksal benachteiligt und kann nie das Glück erfahren, das andere genießen. Stattdessen sticht sie sich nur an den Dornen, während andere Rosen brechen. Die Sprecherin sehnt sich nach wenig - nach einem freundlichen Verstehen und geistigen Umwehen sowie der tröstenden Natur. Doch das Leben spricht hart zu ihr und fordert sie auf, zu entbehren und sich im Entbehren zu verzehren. Klagen und Fragen nach dem Warum nützen nichts. Sie geht ruhig weiter mit der Geduld als ihrem kalten, trockenen Begleiter. Wenn ihr Geist zum Kämpfen erwacht, dämpft sie den Aufschwung, damit er sich selbst verneint. Die Phantasie und Entzückung, die ihre Sehnsucht stillen könnten, fliehen zurück zur Wahrheit, wenn sie erkennen muss, dass es nur ein täuschendes Bild war. Die Sprecherin fragt sich, ob Seelen, die sich nichts mehr verhehlen, schon dem Tode geweiht sind. Sie fragt sich, ob ihr Geist bald entschweben und dieses täuschungsleere Leben in den Staub sinken muss.

Schlüsselwörter

bitt leben nützet geist hab erfahren manchen ren

Wortwolke

Wortwolke zu Eine trübe Stunde

Stilmittel

Alliteration
Nie streckt' ich meine Hände
Bildsprache
Hebt Phantasie die Schwingen
Hyperbel
Entbehrend dich verzehren
Kontrast
Wo Andre Rosen brechen, Mich nur die Dornen stechen
Metapher
Schon sind des Todes Raub
Personifikation
So sprach das Leben hart
Rhetorische Frage
Was nützet eitle Klage, Was nützet mir die Frage
Symbolik
Ein freundliches Verstehen, Ein geistiges Umwehen, Und Trösterin Natur
Täuschung
Es war ein täuschend Bild
Vergleich
Geduld ist mein Begleiter, Ein kalter, trockner Freund