Eine Leichenphantasie

Friedrich von Schiller

1782

Mit erstorbnem Scheinen Steht der Mond auf totenstillen Hainen, Seufzend streicht der Nachtgeist durch die Luft - Nebelwolken schauern, Sterne trauern Bleich herab, wie Lampen in der Gruft. Gleich Gespenstern, stumm und hohl und hager, Zieht in schwarzem Totenpompe dort Ein Gewimmel nach dem Leichenlager Unterm Schauerflor der Grabnacht fort.

Zitternd an der Krücke, Wer mit düsterm, rückgesunknem Blicke, Ausgegossen in ein heulend Ach, Schwer geneckt vom eisernen Geschicke, Schwankt dem stummgetragnen Sarge nach? Floß es “Vater” von des Jünglings Lippe? Nasse Schauer schauern fürchterlich Durch sein gramgeschmolzenes Gerippe, Seine Silberhaare bäumen sich. -

Aufgerissen seine Feuerwunde! Durch die Seele Höllenschmerz! “Vater” floss es von des Jünglings Munde, “Sohn” gelispelt hat das Vaterherz. Eiskalt, eiskalt liegt er hier im Tuche, Und dein Traum, so golden einst, so süß! Süß und golden, Vater, dir zum Fluche! Deine Wonne und dein Paradies!

Mild, wie, umweht von Elysiumslüften Wie, aus Auroras Umarmung geschlüpft, Himmlisch umgürtet mit rosigten Düften, Florens Sohn über das Blumenfeld hüpft, Flog er einher auf den lachenden Wiesen, Nachgespiegelt von silberner Flut, Wollustflammen entsprühten den Küssen, Jagten die Mädchen in liebende Gluth.

Mutig sprang er im Gewühle der Menschen, Wie auf Gebirgen ein jugendlich Reh; Himmelum flog er in schweifenden Wünschen, Hoch wie die Adler in wolkigter Höh; Stolz, wie die Rosse sich sträuben und schäumen, Werfen im Sturme die Mähnen umher, Königlich wider den Zügel sich bäumen, Trat er vor Sklaven und Fürsten daher.

Heiter, wie Frühlingstag, schwand ihm das Leben, Floh ihm vorüber in Hesperus’ Glanz, Klagen ertränkt’ er im Golde der Reben, Schmerzen verhüpft’ er im wirbelnden Tanz. Welten schliefen im herrlichen Jungen, Ha! wenn er einsten zum Manne gereift - Freue dich, Vater - im herrlichen Jungen Wenn einst die schlafenden Keime gereift!

Nein doch, Vater - Horch! die Kirchhoftüre brauset, Und die ehrnen Angel klirren auf - Wie’s hinein ins Grabgewölbe grauset! - Nein doch, lass den Tränen ihren Lauf! Geh, du Holder, geh im Pfad der Sonne Freudig weiter der Vollendung zu, Lösche nun den edeln Durst nach Wonne, Gramentbundner, in Walhallas Ruh!

Wiedersehen - himmlischer Gedanke! - Wiedersehen dort an Edens Tor! Horch! der Sarg versinkt mit dumpfigem Geschwanke, Wimmernd schnurrt das Totenseil empor! Da wir trunken um einander rollten, Lippen schwiegen und das Auge sprach - Haltet! haltet! - da wir boshaft grollten - Aber Tränen stürzten wärmer nach –

Mit erhobnem Scheinen Steht der Mond auf totenstillen Hainen, Seufzend streicht der Nachtgeist durch die Luft. Nebelwolken schauern, Sterne trauern Bleich herab, wie Lampen in der Gruft. Dumpfig schollert’s überm Sarg zum Hügel - O um Erdballs Schätze nur noch einen Blick! - Starr und ewig schließt des Grabes Riegel, Dumpfer - dumpfer schollert’s überm Sarg zum Hügel, Nimmer gibt das Grab zurück.

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Illustration zu Eine Leichenphantasie

Interpretation

Das Gedicht "Eine Leichenphantasie" von Friedrich von Schiller ist eine eindringliche Betrachtung des Todes und der Vergänglichkeit des Lebens. In einer düsteren und traurigen Atmosphäre beschreibt der Dichter den Abschied von einem geliebten Menschen. Die Sprache ist bildhaft und metaphorisch, was die emotionale Intensität des Gedichts verstärkt. Die erste Strophe setzt die Szene mit einem totenstillen Hain unter dem Mondschein. Der Nachtgeist seufzt und Nebelwolken schauern, während die Sterne traurig herabblicken. Diese Bilder schaffen eine unheimliche und traurige Stimmung, die den Leser auf die bevorstehende Leichenfeier einstimmt. In den folgenden Strophen wird der Trauerzug beschrieben. Ein alter Mann, vermutlich der Vater des Verstorbenen, folgt dem Sarg mit gebrochenem Herzen. Die tiefe Trauer und der Schmerz werden durch die Wiederholung des Wortes "Vater" und die Beschreibung des zitternden, gramgeschmolzenen Körpers verdeutlicht. Die Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen werden in den nächsten Strophen lebendig. Schiller malt ein Bild von einem jungen, lebensfrohen Menschen, der mit Mut und Stolz durchs Leben geht. Diese lebendigen Bilder stehen in starkem Kontrast zum Tod und unterstreichen die Tragik des Verlustes. Die letzten Strophen des Gedichts behandeln die Themen Hoffnung und Abschied. Der Dichter ermutigt den Vater, weiterzuleben und den Schmerz zu überwinden. Er spricht von einem Wiedersehen im Jenseits, was einen Hauch von Trost spendet. Das Gedicht endet mit der Rückkehr zur düsteren Atmosphäre des Anfangs und der endgültigen Schließung des Sarges, was die Endgültigkeit des Todes betont.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Mit erhobnem Scheinen steht der Mond auf totenstillen Hainen
Personifikation
Der Sarg versinkt mit dumpfigem Geschwanke
Vergleich
Stolz, wie die Rosse sich sträuben und schäumen