Ein Weib
1844Sie hatten sich beide so herzlich lieb, Spitzbübin war sie, er war ein Dieb. Wenn er Schelmenstreiche machte, Sie warf sich aufs Bett und lachte.
Der Tag verging in Freud und Lust, Des Nachts lag sie an seiner Brust. Als man ins Gefängnis ihn brachte, Sie stand am Fenster und lachte.
Er ließ ihr sagen: O komm zu mir, Ich sehne mich so sehr nach dir, Ich rufe nach dir, ich schmachte - Sie schüttelt′ das Haupt und lachte.
Um sechse des Morgens ward er gehenkt, Um sieben ward er ins Grab gesenkt; Sie aber schon um achte Trank roten Wein und lachte.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Weib" von Heinrich Heine erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen einer Diebin und einem Dieb. Die beiden teilen eine tiefe Zuneigung und verbringen ihre Tage in Freud und Lust, während die Nächte sie in enger Umarmung vereinen. Ihre Beziehung ist geprägt von gemeinsamen Schelmenstreichen und einer unkonventionellen Lebensweise. Die Handlung nimmt eine tragische Wendung, als der Dieb ins Gefängnis gebracht wird. Die Frau zeigt jedoch keine Trauer oder Besorgnis, sondern steht am Fenster und lacht. Diese Reaktion deutet auf eine gewisse Gleichgültigkeit oder vielleicht sogar auf eine zynische Haltung gegenüber der Situation hin. Der Dieb sendet ihr eine Nachricht, in der er seine Sehnsucht nach ihr ausdrückt und sie bittet, zu ihm zu kommen. Doch auch auf diese Nachricht reagiert sie mit einem Kopfschütteln und Lachen, was ihre emotionale Distanz oder ihre Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen, verdeutlichen könnte. Das Gedicht endet mit dem Tod des Diebes, der um sechs Uhr morgens gehenkt und um sieben Uhr ins Grab gesenkt wird. Die Frau jedoch, unbeeindruckt von diesem tragischen Ereignis, trinkt um acht Uhr morgens roten Wein und lacht. Diese letzte Handlung unterstreicht ihre scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod ihres Geliebten und lässt den Leser über ihre wahren Gefühle und Motive rätseln. Das Gedicht zeichnet ein Bild einer unkonventionellen Liebe, die von Humor, Gleichgültigkeit und vielleicht sogar von einer gewissen Kälte geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sie hatten sich beide so herzlich lieb
- Anapher
- Sie warf sich aufs Bett und lachte. / Sie stand am Fenster und lachte. / Sie schüttelt′ das Haupt und lachte. / Sie aber schon um achte / Trank roten Wein und lachte.
- Kontrast
- Um sechse des Morgens ward er gehenkt, / Um sieben ward er ins Grab gesenkt; / Sie aber schon um achte / Trank roten Wein und lachte.
- Metapher
- Spitzbübin war sie, er war ein Dieb
- Personifikation
- Des Nachts lag sie an seiner Brust