Ein und kein Frühlingsgedicht

Hugo Ball

1919

I

Ein Doppeldecker steigt aus jeder Flasche Und stößt sich heulend seinen Kopf kaputt. Der Übermensch verzehrt die Paprikagoulasche, Zerbröselnd Semmeln, rülpsend in den Kälberschutt.

Den Gästen hängt der Kiefer bis zur Treppe, Dort hinterlist′ge Fallen tätlich legend. Aus dem Aburte schlitzt Lolô die Tangoschneppe, Verpestend mit dem Lockendampf die Absinthgegend.

Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage Und meine schmettergelbe Lusttrompete packt euch an. Der umgekippten Erektionen Frühlingsklage Buhlt veilchenblau im Bidet mit dem Schwan(n).

II

Oh du mein Hyazinth, die Wade knackte Und Rolf, der Mops, fraß jäh das Strumpfband auf. Nach Grammophonen in dem Twosteptakte Vollzog sich Notdurft Coitus und Lebenslauf.

Der Lampionen blutgeduns′nes Schwirren Schuf große Monde aus den Wassergläsern. Ein Schlachtgetöse gab es und ein Klirren Der Kneifer von Beamten und Verwesern.

Da war auch Dame Wueh in einer Prunkkarosse, Uns schrak nicht Kino mehr, nicht die Picassofratze. Wir schluckten Sperma wie Armeegeschosse, Und fetzten unsren Hausgott Grünekatze.

Wir waren sehr verekelt und verbiestert, Dem Priapus verschrieben und dem Pan. Wir rollten von den Dächern, sternverschwistert, Und glaubten selbst an dieses nicht daran.

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Illustration zu Ein und kein Frühlingsgedicht

Interpretation

Das Gedicht "Ein und kein Frühlingsgedicht" von Hugo Ball ist ein Dadaistisches Werk, das durch seine absurde und surreale Sprache gekennzeichnet ist. Es verwendet eine Vielzahl von unkonventionellen Bildern und Metaphern, die oft schockierend oder grotesk wirken. Das Gedicht scheint eine Kritik an der Gesellschaft und den Konventionen seiner Zeit zu sein, wobei es durch seine chaotische und ungeordnete Struktur die Ablehnung traditioneller künstlerischer Formen und Werte zum Ausdruck bringt. Die erste Strophe des Gedichts beginnt mit einem Bild von einem Doppeldecker, der aus einer Flasche steigt und sich den Kopf zerschmettert. Dies könnte als Symbol für die Selbstzerstörung der Gesellschaft oder des Individuums interpretiert werden. Der Übermensch, der Paprikagoulasche verzehrt und Semmeln zerbröselt, könnte eine Kritik an der Überheblichkeit und dem Materialismus der Gesellschaft darstellen. Die Gäste, deren Kiefer bis zur Treppe hängt und die hinterlistige Fallen legen, könnten die Heuchelei und die verborgenen Absichten der Menschen symbolisieren. Die zweite Strophe setzt die surrealen und absurden Bilder fort. Der Sprecher behauptet, bei den Menschen zu sein und ihre "schmettergelbe Lusttrompete" zu packen, was als eine Art sexuelle oder sinnliche Einmischung interpretiert werden könnte. Die "umgekippten Erektionen" und die "veilchenblaue" Buhlerei im Bidet könnten als Symbole für sexuelle Frustration oder Unzufriedenheit dienen. Die dritte Strophe führt weitere bizarre Bilder ein, wie den Hyazinth, dessen Wade knackt, und Rolf, der Mops, der das Strumpfband frisst. Diese Bilder könnten als Symbole für die Zerstörung oder den Verfall traditioneller Werte und Institutionen dienen. Die letzte Strophe des Gedichts scheint eine Art Selbstreflexion oder Selbstkritik zu sein. Die Sprecher behaupten, "verekelt und verbiestert" zu sein und sich dem Priapus und dem Pan verschrieben zu haben, was als eine Art Hingabe an die primitiven Triebe und Instinkte interpretiert werden könnte. Sie behaupten auch, von den Dächern zu rollen und sich den Sternen verbunden zu fühlen, was als ein Streben nach Transzendenz oder Erleuchtung interpretiert werden könnte. Doch am Ende geben sie zu, dass sie selbst nicht an das glauben, was sie sagen, was als eine Art Zynismus oder Skepsis interpretiert werden könnte.

Schlüsselwörter

doppeldecker steigt jeder flasche stößt heulend kopf kaputt

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Stilmittel

Alliteration
Wir waren sehr verekelt und verbiestert
Hyperbel
Wir rollten von den Dächern, sternverschwistert
Metapher
Dem Priapus verschrieben und dem Pan
Paradox
Und glaubten selbst an dieses nicht daran
Personifikation
Verpestend mit dem Lockendampf die Absinthgegend