Ein Traum
1876Im fernen, fernen Meere Da segelt’ ein Schiff bei Nacht, Der Schiffsherr in der Kajüte Entschlief auf der Matte sacht.
Der Kiel schnitt still und ruhig Den weiten stillen Raum; Jedoch so still und ruhig War nicht des Schiffsherrn Traum:
Ihm träumt’, ein Blitzstrahl habe Den stolzen Mast zerspellt, Es sei an einem Felsen Im Sturm das Schiff zerschellt,
Und über Bord geschleudert Schwimm’ er im tosenden Meer, Und Wogenkolosse und Blitze Die sausen um ihn her.
Er rudert mit brechenden Armen, Schon sieht er die Küste nahn, Doch brausend an ihre Felsen Schlägt hoch die Brandung hinan.
Auf einem der grauen Felsen Sieht er eine Jungfrau stehn; Sie winkt und läßt hernieder Zu ihm eine Rose wehn.
Doch dort schwimmt nun ein Balken Zur Rettung ihm heran; Soll er zuerst die Rose, Zuerst den Balken umfahn?
Schon brechen die Arme, schon sinkt er Ins fluthende Grab hinein; Da faßt ihn die Brandung und schleudert Ihn an das Felsgestein.
Der Schiffsherr erwacht und stürzet Rasch aufs Verdeck hinan; Doch ruhig und sicher gleitet Das Schiff durch die stille Bahn.
Die flüsternden Wellen baden Das Haupt im Morgenlicht; – Wohl sah er keine Trümmer, Doch auch die Rose nicht.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Traum" von Anastasius Grün erzählt von einem Schiffsherrn, der in seiner Kajüte einschläft und einen intensiven Traum erlebt. Der Traum beginnt mit einem Schiffsbruch, bei dem der Mast durch einen Blitzstrahl zersplittert und das Schiff an einem Felsen im Sturm zerschellt. Der Schiffsherr wird über Bord geschleudert und kämpft im tosenden Meer ums Überleben, umgeben von gewaltigen Wellen und Blitzen. Inmitten seiner verzweifelten Situation erblickt er eine Jungfrau auf einem grauen Felsen, die ihm eine Rose zuwinkt. Gleichzeitig schwimmt ein Balken zur Rettung heran. Der Schiffsherr steht vor der qualvollen Entscheidung, ob er zuerst die Rose oder den Balken ergreifen soll. Seine Arme brechen, und er sinkt ins Meer, doch die Brandung schleudert ihn schließlich an das Felsgestein. Der Schiffsherr erwacht und eilt auf das Verdeck, nur um festzustellen, dass das Schiff ruhig und sicher durch die stille Nacht gleitet. Die Wellen baden sanft sein Haupt im Morgenlicht. Obwohl er keine Trümmer sieht, fehlt auch die Rose, die ihm im Traum zugewinkt wurde. Das Gedicht endet mit der Ambivalenz zwischen der realen Sicherheit und der symbolischen Bedeutung der verpassten Rose, die für Hoffnung oder Liebe stehen könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Kiel schnitt still und ruhig
- Ironie
- Wohl sah er keine Trümmer, / Doch auch die Rose nicht
- Kontrast
- ruhig und sicher gleitet / Das Schiff durch die stille Bahn
- Metapher
- Wogenkolosse
- Personifikation
- flüsternden Wellen