Ein Tischzucht
1534Hör, Mensch! wenn du zu Tisch willt gahn, dein Händ sollt du gewaschen han. Lang Nägel ziemen gar nit wohl, die man heimlich abschneiden soll. Am Tisch setz dich nit oben an, der Hausherr wölls dan selber han! Der Benedeiung nit vergiß! In Gottes Nam heb an und iß! Den Ältesten anfahen laß! Nach dem iß züchtiglichermaß! Nit schnaufe oder säuisch schmatz! Nit ungestüm nach dem Brot platz, daß du kein Geschirr umstoßen tust! Das Brot schneid nit an deiner Brust!
Nehm auch den Löffel nit zu voll! Wenn du dich treifst, das steht nit wohl. Greif auch nach keiner Speise mehr, bis dir dein Mund sein worden leer! Red nicht mit vollem Mund! Sei mäßig! Sei in der Schüssel nit gefräßig, der allerletzt drin ob dem Tisch! Zerschneid das Fleisch und brich den Fisch und käue mit verschlossem Mund! Schlag nit die Zung aus gleich eim Hund, zu ekeln! Tu nit geizig schlinken! Und wisch den Mund, eh du willt trinken, daß du nit schmalzig machst den Wein! Trink sittlich und nit hust darein! Tu auch nit grölzen oder kreisten! Schütt dich auch nit, halt dich am weisten!
Gezänk am Tisch gar übel staht. Sag nichts, darob man Grauen hat, und tu dich auch am Tisch nit schneuzen, daß ander Leut an dir nit scheuzen! Geh nit umzausen in der Nasen! Des Zahnstührens sollt du dich maßen! Im Kopf sollt du dich auch nit krauen! Dergleichen Maid, Jungfrau und Frauen solln nach keinem Floh hinunterfischen. Ans Tischtuch soll sich niemand wischen. Auch leg den Kopf nit in die Händ! Leihn dich nit hinten an die Wänd, bis daß des Mahl hab sein Ausgang! Denn sag Gott heimlich Lob und Dank, der dir dein Speise hat beschert, aus väterlicher Hand ernährt! Nach dem sollt du vom Tisch aufstehn, dein Händ waschen und wieder gehn an dein Gewerb und Arbeit schwer. So spricht Hans Sachs, Schuhmacher.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Tischzucht" von Hans Sachs ist ein umfassender Leitfaden für gutes Benehmen am Esstisch. Es beginnt mit grundlegenden Hygieneaspekten wie dem Händewaschen und dem Kürzen der Nägel, bevor man sich zum Essen setzt. Der Autor betont die Wichtigkeit, sich nicht an die Spitze des Tisches zu setzen und die Segnung des Essens nicht zu vergessen. Die Anweisungen umfassen das Warten auf die älteren Personen, das züchtige Essen und das Vermeiden von unangenehmen Geräuschen wie Schnaufen oder Schmatzen. Sachs gibt auch praktische Ratschläge, wie man das Essen richtig zubereitet und verzehrt, ohne die Umgebung zu stören oder sich selbst in Verlegenheit zu bringen. Im weiteren Verlauf des Gedichts werden detailliertere Verhaltensregeln aufgeführt. Der Autor rät davon ab, mit vollem Mund zu sprechen, sich nicht gierig am Essen zu bedienen und das Essen nicht unordentlich zu zerteilen. Er betont die Bedeutung des Kauens mit geschlossenem Mund und des Vermeidens von unappetitlichen Geräuschen. Zudem wird auf die Wichtigkeit hingewiesen, den Mund vor dem Trinken abzuwischen, um den Wein nicht zu verunreinigen. Sachs gibt auch Hinweise auf das angemessene Trinkverhalten und warnt vor übermäßigem Lärm oder unpassenden Gesten am Tisch. Das Gedicht schließt mit einer Zusammenfassung der Tischsitten und einem Aufruf zu Dankbarkeit gegenüber Gott für die bereitgestellte Nahrung. Nach dem Essen sollte man sich erneut die Hände waschen und dankbar für die Mahlzeit sein, die man von väterlicher Hand erhalten hat. Anschließend sollte man sich wieder seiner Arbeit oder seinem Handwerk widmen. Hans Sachs, der als Schuhmacher sein Brot verdient, vermittelt in diesem Gedicht nicht nur Tischsitten, sondern auch einen moralischen Kompass für ein würdevolles und dankbares Leben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schmatz! Nit ungestüm nach dem Brot platz
- Anapher
- Nit schnaufe oder säuisch schmatz! Nit ungestüm nach dem Brot platz
- Bildsprache
- Zerschneid das Fleisch und brich den Fisch
- Direkte Ansprache
- Hör, Mensch!
- Hyperbel
- Der allerletzt drin ob dem Tisch!
- Imperativ
- Hör, Mensch! wenn du zu Tisch willt gahn, dein Händ sollt du gewaschen han.
- Kontrast
- Gezänk am Tisch gar übel staht
- Metapher
- Schlag nit die Zung aus gleich eim Hund
- Personifikation
- Daß du nit schmalzig machst den Wein
- Reihung
- Schütt dich auch nit, halt dich am weisten!
- Rhetorische Frage
- Sag nichts, darob man Grauen hat
- Vergleich
- Schlag nit die Zung aus gleich eim Hund