Freiheit & Sehnsucht, Freude, Frühling, Gedanken, Glaube & Spiritualität, Götter, Herbst, Herzschmerz, Himmel & Wolken, Magie & Wunder, Unschuld
Ein Stelldichein
So war′s auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Holunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Glück.
Es war wie Grabgeruch … Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehst du wie ein Geist im Leichentuch –
lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab …
Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Köm gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Ein Stelldichein“ von Richard Dehmel zeichnet ein düsteres Bild von Verzweiflung und Schuldgefühlen, die im Nachgang einer gescheiterten Beziehung oder einem unerwünschten Ereignis entstehen. Die poetische Sprache und die Verwendung von Naturbildern erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, die die innere Zerrissenheit des Sprechers widerspiegelt. Der Beginn des Gedichts ist durch eine fast meditative Ruhe gekennzeichnet, in der die Natur – die „Trauerbuche“ und der „Holunder“ – eine Rolle spielt. Diese anfängliche Stille, die von einem Gefühl des Glücks unterbrochen wird, steht im Kontrast zum anschließenden Ausbruch von Verzweiflung und dem Gefühl der Verantwortung.
Die zweite Strophe markiert einen Wendepunkt. Der Sprecher wendet sich an ein „blasses Licht“, das wie ein „Geist im Leichentuch“ erscheint und ihn an das Geschehene erinnert. Dieser Blick ist ein Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung, verbunden mit dem Wunsch, die Vergangenheit auszulöschen und die Schuld abzustreiten. Die metaphorische Sprache unterstreicht die Schwere des Erlebten und die innere Zerrissenheit des Sprechers, der sich zwischen Selbstvorwürfen und dem Versuch, sich von der Verantwortung freizusprechen, hin- und herbewegt. Die Zeile „Ich brach sie nicht: sie tat es selbst!“ deutet auf ein Ereignis hin, bei dem der Sprecher zwar involviert war, sich aber nicht schuldig fühlt, da er sich selbst als unschuldig darstellt.
In der dritten Strophe verstärkt sich die depressive Stimmung. Die Natur wird als Spiegelbild der inneren Leere und Traurigkeit des Sprechers dargestellt. Die Landschaft, die durch Grautöne, Nebel und das „Gift“ in den Blättern gekennzeichnet ist, vermittelt ein Gefühl des Verfalls und des Todes. Die Zeile „Ich wünsche mir den Tod“ ist der klare Ausdruck der tiefen Verzweiflung und des Gefühl des Verlorenseins, das den Sprecher erfasst hat. Das Gedicht endet mit einer beklemmenden Aussage, die die Hoffnungslosigkeit des Sprechers widerspiegelt und das zentrale Thema der emotionalen Zerstörung durch Schuld, Trauer und Verzweiflung betont.
Dehmel nutzt Naturmetaphern, um die inneren Konflikte und die emotionale Zerrissenheit des Sprechers auszudrücken. Die Landschaft ist nicht nur Kulisse, sondern ein aktiver Teilnehmer am seelischen Zustand des Sprechers. Die „dumpfe Luft“, die „Trauerbuche“ und das „Gift“ im Laub spiegeln das Gefühl der Beklommenheit, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit wider. Durch diese Verbindung von äußeren und inneren Zuständen gelingt es Dehmel, eine eindringliche Darstellung des menschlichen Leids zu schaffen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.