Ein Sommertagstraum

Annette von Droste-Hülshoff

1848

Im tiefen West der Schwaden grollte, Es stand die Luft, ein siedend Meer, An meines Fensters Vorhang rollte Die Sonnenkugel, glüh und schwer; Und wie ein Kranker, lang gestreckt, Lag ich auf grünen Sophakissen, Das Haupt von wüstem Schmerz zerrissen, Die Stirne fieberhaft gefleckt.

Um mich Geschenke, die man heute Zu meinem Wiegenfest gesandt, Denare, Schriften, Meeres Beute, Ich hab′ mich schnöde abgewandt; Zum Tode matt und schlafberaubt Studiert′ ich der Gardine Bauschen Und horchte auf des Blutes Rauschen Und Klingeln im betäubten Haupt.

Zuweilen dehnte sich ein Murren Den Horizont entlang, es schlich Am Hag ein Rieseln und ein Surren, Wie flatternder Libelle Strich; Betäubend zog Resedaduft Durch des Balkones offne Türen, In jeder Nerve war zu spüren Die schwefelnde Gewitterluft.

Da plötzlich schien sich aufzurichten Am Fensterrahm ein Schattenwall, Und mählich schob die dunklen Schichten Er näher an den glühen Ball. Durch der Gardine Spalten zog Ein frischer Hauch, ich schloß die Augen, Um tiefer, tiefer einzusaugen, Was leise spielend mich umflog.

Genau vernahm ich noch das Rucken Des flatternden Papiers, das Licht Der Stufe sah ich schmerzend zucken; Ob ich entschlief? mich dünkt es nicht. Doch schneller schien am Autograph Das dürre Züngelchen zu wehen, Ein glitzernd Aug′ der Stein zu drehen, Die Muschel dehnte sich im Schlaf.

Und nächt′ger Mücke zu vergleichen Umsäuselte mich halber Klang, Am Teppich schien es sacht zu streichen Und lief des Polsters Saum entlang, Wie wenn im zitternden Papier Der Fliege zarte Füßchen irren; Und heller, feiner aus dem Schwirren Drang es wie Wortes Hauch zu mir.

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Illustration zu Ein Sommertagstraum

Interpretation

Das Gedicht "Ein Sommertagstraum" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt einen heißen Sommertag, an dem der Erzähler in einem Zustand der Erschöpfung und des Unwohlseins verweilt. Die drückende Hitze und die fiebrige Stimmung werden eindrucksvoll durch Metaphern und sinnliche Beschreibungen vermittelt. Im ersten Teil des Gedichts wird die erdrückende Atmosphäre eines schwülen Sommertages geschildert. Die Sonne steht als "glüh und schwer" am Himmel, und der Erzähler liegt kraftlos auf grünen Kissen, von Schmerzen geplagt und fiebrig. Die Geschenke zum Wiegenfest, die um ihn herum liegen, werden ignoriert, da er zu matt und schlafberaubt ist, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Stattdessen lauscht er dem Rauschen seines Blutes und dem Klingeln in seinem benommenen Kopf. Im zweiten Teil des Gedichts entwickelt sich eine Veränderung in der Atmosphäre. Ein Schatten zieht sich am Fensterrahmen auf, und die Dunkelheit schiebt sich langsam vor die glühende Sonne. Ein frischer Hauch weht durch die Gardine, und der Erzähler schließt die Augen, um tiefer in diesen Hauch einzusaugen. Er hört das Rascheln von Papier und beobachtet, wie das Licht auf den Stufen zuckt. Es ist unklar, ob er eingeschlafen ist oder nicht, aber die Dinge um ihn herum scheinen sich zu verändern. Das Züngelchen am Autograph weht schneller, das Auge des Steins dreht sich glitzernd, und die Muschel dehnt sich im Schlaf. Im letzten Teil des Gedichts nimmt der Erzähler eine geisterhafte Präsenz wahr. Ein halber Klang umflüstert ihn wie eine nächtliche Mücke, und es scheint, als würde etwas am Teppich entlangstreichen und den Saum des Polsters entlanglaufen. Die Bewegungen erinnern an die zarten Füße einer Fliege, die auf zitterndem Papier umherirren. Aus dem Schwirren dringt ein heller, feiner Hauch zu ihm, der wie ein Wort klingt. Der Erzähler befindet sich in einem Zustand zwischen Wachsein und Traum, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Das Haupt von wüstem Schmerz zerrissen
Metapher
Drang es wie Wortes Hauch zu mir
Personifikation
Im tiefen West der Schwaden grollte
Vergleich
Und nächt′ger Mücke zu vergleichen