Ein Schmerzgesang

Hermann Rollett

1864

Es hat ein wehmutvolles Lied Den stillen Wald durchklungen, Das hat voll Trauer, als sie schied, Die Nachtigall gesungen:

Leb wol, leb wol, du kühler Wald, Die welken Blätter fallen, Und Todeshauch durchweht dich bald - Ich zieh aus deinen Hallen.

Ich flieh mit heißem Liederschmerz Aus deinen kalten Armen, Und fache mir ein anderes Herz, An den ich kann erwarmen;

Es weichen wieder Duft und Kuß Mich wiegt in helle Träume - O, daß ich von euch scheiden muß - Ihr lieben, lieben Bäume!

Glaubt nicht, daß ich die Seligkeit, Den Jubel kann vergessen, In dem ich oft zur Frühlingszeit Auf grünem Zweig gesessen.

Der ersten Rose, die ich seh, Will ich es singend klagen Mein altes, tiefes, stilles Weh, Und sie um Mitleid fragen.

Zum ersten Hain, zum ersten Wald Will ich im Fluge schweben, Und seine stillen Räume bald Mit meinem Schmerz beleben.

Und will ihm singen, daß mein Lied Darum so schmerzlich klage, Weil jener Wald, von dem ich schied, Kein einzig Blatt mehr trage.

Weil Blume, Duft und Sonnenstral So schnell vergehen wieder, Darum sing ich in banger Qual So wehmutvolle Lieder.

Weil jedes Glück, weil jede Lust So bald, so bald verklungen - - So hat im Wald aus wunder Brust Die Nachtigall gesungen.

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Illustration zu Ein Schmerzgesang

Interpretation

Das Gedicht "Ein Schmerzgesang" von Hermann Rollett thematisiert die melancholische Abschiednahme der Nachtigall von ihrem geliebten Wald. Die Nachtigall singt ein wehmütiges Lied, das den stillen Wald durchklang, und verabschiedet sich von der kühlen, welkenden Natur. Sie fühlt sich von den kalten Armen des Waldes getrieben und sucht nach einem neuen Ort, an dem sie ihr heißes Liederschmerz stillen kann. Die Nachtigall reflektiert über die Vergänglichkeit von Glück und Schönheit. Sie erinnert sich an die seligen Frühlingszeiten, als sie auf grünen Zweigen saß und jubelte. Doch nun muss sie sich von diesem Glück trennen und singt ihr altes, tiefes Weh den ersten Rosen und dem ersten Hain entgegen. Ihr Schmerz wird durch die Vergänglichkeit von Blume, Duft und Sonnenstrahl noch verstärkt. Am Ende des Gedichts wird deutlich, dass die Nachtigall aus tiefer, wunderlicher Brust singt, weil jedes Glück und jede Lust so schnell verklungen ist. Ihr Lied ist ein Ausdruck der Angst und Qual über die Vergänglichkeit des Lebens und der Schönheit. Die Nachtigall gibt ihrer Trauer und ihrem Schmerz eine Stimme und macht so die Vergänglichkeit des Lebens für den Leser greifbar.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
weil wunder Brust
Anapher
Leb wol, leb wol
Metapher
So hat im Wald aus wunder Brust
Personifikation
Die Nachtigall gesungen