Ein Schloß in Böhmen

Anastasius Grün

unknown

In Böhmens Bergen hocheinsam liegt In Trümmern eine Veste, Dran Epheu sich statt des Mörtels schmiegt, Drin Geier die schmausenden Gäste. Der Feind zerbrach einst Wall und Thurm, Gebälk und Getäfel fraß der Wurm, Die Zeit zerrieb die Reste.

»O Wunderblick ins Thal hinein Und über die Berg’ und Lande! Raff’ auf die Knochen, dein morsch Gestein, Steig auf im alten Gewande, Du Leiche jetzt, o Väterschloß, Ersteh’ zum Leben neu und groß, Ein Schmuck und Stolz dem Lande!«

Der junge Ritter sprach’s und gebot; Die Felsen im Bruch zerknallen, Im Flammengewölk der Kalkstein loht, Die Riesen des Forstes fallen, Und stämmige Stiere keuchen bergan Mit Sparren und Quadern, mit Sims und Altan, Mit Balken und Säulen der Hallen.

Hei, an den Bau griff Hand an Hand, Ein Tagwerk gab’s aufs Beste: Der neue Bau zwier mannshoch stand Schon über dem Trümmerreste. Doch weh, was der Tag zu Werk gebracht, Zerfallen ist’s wieder über Nacht, In Schutt liegt Morgens die Veste.

»O schlechter Mörtel, schlechtre Hand! Gebt Kraft ihm mit starkem Weine Und zwingt mit eiserner Klammern Band Die ungehorsamen Steine!« Und so geschah’s, doch über Nacht Zerfiel, was der Tag zu Werk gebracht; Nur Trümmer im Morgenscheine!

Zum Ritter tritt ein Werkmann alt: »Sieh hin und uns nicht fluche: Das Rüstholz liegt, wo sie’s fällten, im Wald, Die Quadern unten im Bruche! In solcher Art kein Bau zerfällt, Den hat ein gewaltiger Feind zerschellt! Laß Wächter stehn dem Besuche.«

Die Wächter lehnen bei Nacht am Wall. Da fächeln so lau die Weste, Der Mond bestreut ihr Aug’ mit Metall, In Träumen flüstern die Aeste; Da schlummern sie leise, leise ein. Man fand sie am Morgen unterm Gestein, In Trümmern lag die Veste.

Der Ritter sprach: »Nur Muth bewahrt! Ans Werk, und laßt das Trauern!« Das geht nicht zu in rechter Art, Denkt er bei sich mit Schauern. Gen Kloster Kukus trabt er dann: »Herr Abt, o schließt des Segens Bann, Ihr könnt’s, um meine Mauern!«

Zu Nacht umwallten des Tages Bau Der Abt und seine Genossen, Der Weihrauch wirbelt’ ins nächt’ge Blau, Vom Glanz der Fackeln umflossen. Sie trugen ihm Kreuz und Weihbronn vor, Der Mönche Lieder in ernstem Chor Sich durch die Nacht ergossen.

Seht dort, behelmt, langbärtig am Wall Von riesigem Leib drei Recken, Seht sie im Harnisch von dunklem Metall Drei Aexte hochauf strecken! »Im Namen des Herrn, der dem All gebeut Ihr Söhne der Nacht, steht Rede heut!« Der Abt rief’s fast mit Schrecken.

Drauf aber erhoben die Drei das Wort, Kein irdisch Singen noch Sprechen! Ein Brausen war’s des Walds, der verdorrt, Ein Rauschen von wallenden Bächen, Ein Todesjubeln der Glock’ im Thurm, Ein Herbstfrohlocken, das der Sturm Ausjauchzt über Stoppelflächen:

»Ihm Ruhm und Lob! Ihm Preis und Ehr’. Wir fliehn nicht vor seinem Namen. Hier ist kein Haus für Lebend’ge mehr, Hier reift des Todes Samen. Der Herr sprach: Tödtet nicht, was da lebt, Doch auch ins Leben zu wecken bebt, Was dem Tode verfallen! Amen.

Nie grünt der Baum, den gefällt dein Beil, Nie glimmt der Stern, der verlodert, Nie gras’t der Hirsch, den erlegt dein Pfeil; Was des Todes, nicht heim mehr fodert! Nie mehr wird blond dein Schneehaupt, Greis, Nie weckt den todten Leib dein Geheiß, Noch minder den Geist, der modert!«

So sprachen sie; abschütteln dabei Ihr dürres Laub die Aeste! Die blanken Aexte schwingen die Drei, Da bekreuzen sich fromm die Gäste; Ein mächtiger Schlag, ein donnernder Knall, Ein Staubgewölk, ein dröhnender Fall! In Trümmern liegt die Veste.

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Illustration zu Ein Schloß in Böhmen

Interpretation

Das Gedicht "Ein Schloß in Böhmen" von Anastasius Grün erzählt von einem jungen Ritter, der den Wiederaufbau einer zerstörten Burg in Böhmen in Angriff nimmt. Trotz mehrfacher Anstrengungen und der Anwendung verschiedener Mittel, einschließlich des Einsatzes von Mörtel, Wein und sogar geistlicher Weihe, scheitert der Wiederaufbau immer wieder. Die Burg zerfällt über Nacht, und der Ritter wird von drei geheimnisvollen Gestalten konfrontiert, die ihm die Sinnlosigkeit seines Unterfangens vor Augen führen. Die Interpretation des Gedichts kann als eine Reflexion über die Vergänglichkeit und die Unmöglichkeit, das Vergangene wiederherzustellen, verstanden werden. Die Burg, einst ein Symbol der Macht und des Schutzes, liegt nun in Trümmern, und der Versuch, sie wieder aufzubauen, wird durch übernatürliche Kräfte vereitelt. Die drei Gestalten, die die Stimme der Natur oder des Schicksals verkörpern könnten, erklären, dass das, was dem Tod geweiht ist, nicht wieder zum Leben erweckt werden kann. Das Gedicht kann auch als eine Kritik an der menschlichen Hybris und dem Wunsch, die Natur zu beherrschen, interpretiert werden. Der Ritter, der die Zerstörung der Natur in Kauf nimmt, um seine Burg wieder aufzubauen, wird letztendlich von den Kräften der Natur selbst besiegt. Die drei Gestalten, die sich als Verkörperungen des Todes und der Vergänglichkeit erweisen, lehnen den Wiederaufbau ab und betonen die Notwendigkeit, den natürlichen Lauf der Dinge zu akzeptieren. Insgesamt ist "Ein Schloß in Böhmen" ein Gedicht, das sich mit Themen wie Vergänglichkeit, menschlicher Hybris und der Unmöglichkeit, das Vergangene wiederherzustellen, auseinandersetzt. Es ermutigt den Leser, die Vergänglichkeit des Lebens zu akzeptieren und die Natur nicht zu beherrschen, sondern in Harmonie mit ihr zu leben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Apostroph
»O Wunderblick ins Thal hinein Und über die Berg’ und Lande!
Metapher
In Trümmern liegt die Veste
Personifikation
Drin Geier die schmausenden Gäste