Ein Ritt über die Haide

Anastasius Grün

1806

Es ritten über die weite Haide Zwei Ritter, Freunde in Lust und Leide. Da ragt kein Baum und kein Vogel singt, Da säuselt kein Laub, kein Bächlein klingt, Kein Röslein glüht; nur im falben Kleide Weithin dehnt stumm sich die glatte Haide.

Erst reiten sie still dahin mit Schweigen, Wie also die Art ist Freunden eigen, Denn spräch’ auch Dieser hier aus das Wort, Längst fühlt’s und denkt’s der Andre dort; Nur weil so todesstumm die Haide, Fährt mählich Redelust in Beide.

Der Eine spricht: »Wenn ich die Blicke Weit über dieß Haidefeld ausschicke, Muß diesen unbegrenzten Raum, Der ohne Wechsel und ohne Saum, Als Bild der Ewigkeit ich deuten, Der unsre Seelen entgegenschreiten.«

Der Andre meint: »Ich bin’s zufrieden, Ist’s unsern Leibern und Seelen beschieden, Wie der Staub, von unsern Rossen gestampft, Wie der Hauch, aus ihren Nasen gedampft, Ein Weilchen über die Haide zu treiben, Mag auch die Haide urewig bleiben!«

Der Erste drauf: »So hältst du in Ehren, Mißrathner Sohn, der Mutter Lehren! Für dich umsonst vergossen ist Des Herren Blut, abtrünniger Christ! So ist dir des Menschen heiliger Glaube Nur der des Thiers, des Wurms im Staube!«

Der Andre dann: »Brennt dir unterm Schopfe Des Herren Lichtlein umsonst im Kopfe? Und hast du’s, eh’ es geleuchtet, gestutzt? Hat dir’s das Pfäfflein pfiffig geputzt? Sonst müßtest du als Glück es ehren, Wenn wir das Würmlein im Sonnenglanz wären?«

»Wohlan, du Gotteslästrer, verderbe!« »Wohlan, du Pfaffenknecht, so sterbe!« Zum Kampf gewendet Pferd gen Pferd! Zum Hieb geschwungen Schwert gen Schwert! Ins Herz getroffen und fallend Beide! Drauf flücht’ger Staub über ewiger Haide.

Ich meine, die Schuld an solchem Leide Trägt nur die öde, stumme Haide; Wenn sie geritten im Palmenhain, Sie würden zur Stunde noch Freunde sein; Wenn sie geritten im Blumenhage, Sie ritten wohl noch am heutigen Tage.

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Illustration zu Ein Ritt über die Haide

Interpretation

Das Gedicht "Ein Ritt über die Haide" von Anastasius Grün beschreibt eine Reise zweier Ritterfreunde durch eine öde Heide. Die Landschaft ist karg und leblos, ohne Bäume, Vögel oder fließendes Wasser. Die Stille der Umgebung führt die beiden Freunde schließlich zu einem Gespräch über ihre unterschiedlichen Ansichten zum Leben und zur Ewigkeit. Der eine Ritter sieht in der unendlichen Weite der Heide ein Symbol für die Ewigkeit und die Unendlichkeit der Seele. Der andere hingegen ist zufrieden mit der Vergänglichkeit des Lebens und vergleicht es mit dem Staub, der von ihren Pferden aufgewirbelt wird. Dieser Unterschied in der Weltsicht führt zu einem erbitterten Streit zwischen den beiden Freunden, der schließlich in einem tödlichen Kampf endet. Der Dichter macht die öde Heide für den tragischen Ausgang verantwortlich. Er deutet an, dass die beiden Ritter in einer freundlicheren Umgebung, wie einem Palmenhain oder einem Blumenhag, ihre Freundschaft bewahrt und ihren Streit friedlich beigelegt hätten. Die leblose und einsame Landschaft der Heide scheint die Gemüter der beiden Freunde zu verbittern und zu einem tödlichen Konflikt zu führen.

Schlüsselwörter

haide kein andre ritten freunde leide beide seelen

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Stilmittel

Alliteration
Todeststumm die Haide
Anspielung
Des Herrn Blut, abtrünniger Christ
Hyperbel
Wohlan, du Gotteslästrer, verderbe! Wohlan, du Pfaffenknecht, so sterbe!
Kontrast
Wie der Staub, von unsern Rossen gestampft, Wie der Hauch, aus ihren Nasen gedampft
Metapher
Als Bild der Ewigkeit ich deuten
Personifikation
Da säuselt kein Laub, kein Bächlein klingt, Kein Röslein glüht
Symbolik
Ewiger Haide