Ein Räthsel vom Czaren

Anastasius Grün

unknown

Dans les grandes choses les hommes se montrent, comme il leur convient de se montrer, dans les petites ils se montrent comme ils sont.

Ein seltsam unerschöpflich Schatzkästlein Besitzt der Czar; man nennt es sonst Ural; Er faßt mit sichrer Hand und kluger Wahl Was Jeden lockt, aus dem granitnen Schrein: Platin′ und Silber, Edelstein und Gold, Denn guten Diensten frommt auch guter Sold. Die Kette kann ein Kranz sein erzgegossen, Der Kranz ein Kettenring aus Blüthensprossen; Der Czar, indem er kränzt, weiß auch zu ketten, Und Kreuze, Münzen, Tuladosen retten Des Zaubrers Ehren und vor allen mächtig Der magische Vasenbau aus Malachit! Wie des Versuchers Worte gleißend tritt Des Nordens Kunstwerk kalt und glatt und prächtig Zum vielversuchten Kanzlergreis in Wien, In Ludwigs Schloß, zum Schwager in Berlin, Zur anmuthreichen Brittenmajestät. Wer wüßte mit so guter Wahl zu schenken? Dort prunkt das malachitne Angedenken Ein Spiegel blank, drin euer Bild ihr seht; So mildes Grün so zähem Stoff vereint, Daß die Erinn′rung selbst verkörpert scheint; Des Erzes Wucht zu schlanker Form beschwingt, Wie schweres Leid zu leichtem Hauch sie bringt; Der grüne Schmelz voll Adern, wie in hellen Erinn′rungsbildern dunkle Schattenstellen. – Daß von Bewunderung ihr ganz entflammt, Werft eure Blicke nach den Arbeitstätten, In Urals Schachte, draus das Kunstwerk stammt: Seht, Künstlerhände schufen′s, die in Ketten! Des Kaukasus, der Stepp′ und Polens Söhne Begeistert Meister Czar dort für das Schöne.

Es hat der Wind, der Lüfte freier Sohn, Der ungehemmt in Wäldern und Gehegen Sich Laub und Blumen pflückt zu Kranz und Kron′ Und kindisch dann verstreut auf seinen Wegen, Es hat der Wind in noch nicht fernen Tagen Ein Zeitungsblatt nach dem Ural verschlagen, Und der Gefangnen Einer hat′s gefunden Und liest′s den Brüdern vor in Mußestunden:

»Vernehmt ein Beispiel von des Czaren Güte! Es lenkt ins Schloßportal am Newastrand Ein Reisewagen mit dem Sechsgespann; Heimführt der Czarewitsch – den Gott behüte! – Die Braut, ein Fürstenkind aus deutschem Land. Nun sie die Marmortreppen steigt hinan, Beschleicht ihr Herz Weh der Verlassenheit, Fremd Alles hier, die Heimat weit, so weit! Erinn′rung hat das deutsche Blut beflogen Der Lieben in der Heimat rückgelassen Als durchs Spalier sie goldbetreßter Massen, Feinschlitz′ger Augen, stumpfer Nasen zogen. Beugt alle Rücken krumm die Last der Tressen? Treuherz′ger Mienen denkt sie ihrer Hessen, Joli′s des Hündleins selbst! Hier wär′s zur Stunde Der treuste, doch nicht hündischste der Hunde. Da naht der Czar. Er führt, galant wie immer, Die Schwiegertochter in ihr Wohngemach. Wie ward ihr da! Das ist dasselbe Zimmer, Das sie im Elternhaus verlassen kaum! Da fehlt kein Möbelstück, kein Bild, kein Fach! Dieselbe Prachttapete schmückt den Raum, Dieselben Bilder zieren rings die Wände, Im Rahmen dort das Bildwerk ihrer Hände Halb fertig erst, gestört vom Hochzeittraum; Hier kunstgeschnitzt die Mahagonistelle, Modernstem Götzendienst ein Hausaltar, Noch stehn die Götzlein in altgoth′scher Zelle, Die Rococofigürchen blank und niedlich, In Eintracht noch von Porzellan das Paar Chines′ und Gattin, nickend unermüdlich; Der Heimat Blumen dort in bunter Frische Entgegenduftend ihr vom Blumentische, Des Lieblingsdichters Liederbuch daneben, Dort seine Büste in der grünen Nische Von rankenden Kobä′n und Epheureben, Ja Alles rings wie in der Heimat eben, Das Silberglöcklein auf dem Tisch sogar!« »Ob hell sein Klang geblieben?« frug der Czar, Und prüfend schellt jetzt der Prinzessin Hand, Aufspringt die Thür, es stürzt herein die Schaar Der alten Diener aus dem Hessenland, Vom Marschall, der ihr dient′ an Vaters Hofe, Bis zu dem Musterbild der deutschen Zofe Joli bellt wedelnd durch die Menge dringend, Vor Lust empor an seiner Herrin springend. Da hat ein süßes Weh ihr Herz bezwungen Und Thränen sprechen, wo gelähmt die Zungen.« –

Der Leser schwieg. Da sprach ein Gramgefährte: »Wie fand solch Zartgefühl und jene Härte, Die uns verdarb, in Einem Herzen Stätte? Mit Milde hat Czar Nikolaj, ich wette, Auch in die Schellen unsres Arms gelegt Die Wunderkraft, die jenes Glöcklein trägt; Laßt einmal proben uns den Klang der Kette!« Sie rasseln mit den Ketten, – seltsam Läuten! Doch, traun, es wirkt! Aus dunkler Dämm′rung schreiten Hervor der Heimat Bilder wahr und licht, Bekannte Städte, Thäler, Ströme, Straßen, Manch süßer Blick, manch theures Angesicht, Die Lieben all, die sie dort rückgelassen! – – Trost der Gefangnen, milde Czarenspende! Ihr Antlitz senken All′ in ihre Hände, Es hat ein herbes Weh ihr Herz bezwungen Und Thränen sprechen, wo gelähmt die Zungen.

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Illustration zu Ein Räthsel vom Czaren

Interpretation

Das Gedicht "Ein Räthsel vom Czaren" von Anastasius Grün, verfasst 1842, ist eine vielschichtige Kritik an der Politik und Persönlichkeit des russischen Zaren Nikolaus I. Es nutzt die Form eines Rätsels, um die Widersprüche und Doppelzüngigkeit der Zarenherrschaft aufzuzeigen. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der Reichtümer des Zaren, die im Ural gelagert sind. Es wird deutlich, dass der Zar seine Macht und seinen Einfluss durch großzügige Geschenke ausübt. Diese Geschenke, wie Ketten, Kränze, Kreuze und Vasen aus Malachit, dienen sowohl als Belohnung für gute Dienste als auch als Mittel zur Kontrolle und Unterwerfung. Die Pracht und Schönheit dieser Geschenke täuschen über ihre wahre Funktion hinweg, die darin besteht, zu knechten und zu manipulieren. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Geschichte einer deutschen Prinzessin erzählt, die den russischen Thronfolger heiratet. Der Zar zeigt sich hier als fürsorglicher Schwiegervater, der das Zimmer der Braut genau so einrichten lässt, wie es in ihrer Heimat war. Doch dieser scheinbar liebevolle Akt entpuppt sich als perfide Manipulation. Die Prinzessin wird durch die vertraute Umgebung in eine falsche Sicherheit gewiegt, während sie in Wirklichkeit gefangen ist. Der letzte Teil des Gedichts enthüllt die wahre Natur der Zarenherrschaft. Die Gefangenen im Ural, die die prachtvollen Geschenke für den Zar herstellen, entdecken, dass ihre Ketten einen ähnlichen "Klang" haben wie das Glöckchen im Zimmer der Prinzessin. Beide dienen dazu, Erinnerungen an die Heimat wachzurufen und so die Gefangenen emotional zu kontrollieren. Der Zar nutzt die Sehnsucht nach der Heimat als Mittel der Unterdrückung und des Trostes zugleich. Das Gedicht endet mit den weinenden Gefangenen, die durch die Erinnerungen an ihre Heimat sowohl getröstet als auch an ihr Schicksal erinnert werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Platin′ und Silber, Edelstein und Gold
Anapher
Da fehlt kein Möbelstück, kein Bild, kein Fach! Dieselbe Prachttapete schmückt den Raum, Dieselben Bilder zieren rings die Wände
Anspielung
In Ludwigs Schloß, zum Schwager in Berlin
Bildsprache
Des Kaukasus, der Stepp′ und Polens Söhne
Enjambement
Da fehlt kein Möbelstück, kein Bild, kein Fach! Dieselbe Prachttapete schmückt den Raum, Dieselben Bilder zieren rings die Wände
Hyperbel
Ein Spiegel blank, drin euer Bild ihr seht
Ironie
Laßt einmal proben uns den Klang der Kette
Kontrast
Mit Milde hat Czar Nikolaj, ich wette, Auch in die Schellen unsres Arms gelegt
Metapher
Ein seltsam unerschöpflich Schatzkästlein Besitzt der Czar; man nennt es sonst Ural
Metonymie
Des Erzes Wucht zu schlanker Form beschwingt
Personifikation
Es hat der Wind, der Lüfte freier Sohn
Reim
Ein Räthsel vom Czaren / Anastasius Grün
Symbolik
Der grüne Schmelz voll Adern, wie in hellen Erinn′rungsbildern dunkle Schattenstellen
Synästhesie
Wie schweres Leid zu leichtem Hauch sie bringt
Vergleich
Wie des Versuchers Worte gleißend tritt Des Nordens Kunstwerk kalt und glatt und prächtig