Ein modernes Weib

Maria Janitschek

unknown

Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war Von jenen schnöden Thaten eine, die Kein Weib vergessen und vergeben kann.

Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht. Er rief: “Herein”, und sah voll tiefen Staunens, In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte In ihre großen stolzerstarrten Augen, In diese großen schmerzversengten Augen … Er lächelte verlegen, denn ein Schauer Erfaßte ihn … Er bot ihr höflich Platz, Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme Sprach sie zu ihm: “Du hast mich schwer beleidigt, Es war nur Gott dabei … vor diesem Gott, Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken Den Makel meiner Ehre, zugefügt Von deiner Hand, verlöschen. Höre nun! Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur: Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage, Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter, Er wär′ denn blind und taub und stumm, deshalb (Ein Schildern des Vergangenen glich′ aufs Haar Der neuen That, hieß′ selber mich entehren), Deshalb gibt′s eins nur: hier sind Waffen, wähle!” Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin Und öffnete den Deckel. - - Lange standen Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an, Sie hielt das glänzend große Aug′ gerichtet Fest auf die Waffen. Plötzlich brach er aus In lautes Lachen. Da durchglühte feurig Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort Dies Lachen wär′? Sie hätte schreien mögen

Vor Wut und Elend. Aber sie bezwang sich, Und sagte mild: “Wenn dir ein Unvorsichtiger Zufällig auf den Fuß getreten wäre, Du würdest ohne lange Ueberlegung Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern, Nichts Lächerliches fändest du dabei. Nun denk′: nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch, Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre! Verlang′ ich mehr, als du verlangen würdest Für einen unvorsichtigen Schritt, sag′ selbst, Ist das nicht billig?”

Lächelnd sah er ihr Ins zornerglühte Antlitz. “Liebes Kind, Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne. Entweder geh zum Richter, liebes Kind, Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt Dir nur das eine noch: vergesse, was du Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe, Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben …” Jetzt lachte sie. “Entweder Selbstentehrung Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach, Und das, das ist die Antwort, die ein Mann In unserer hellen Zeit zu geben wagt Der Frau, die er beleidigt.” “Eine andere Wär′ gegen den Brauch.” “So wisse, daß das Weib Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert,” Sprach sie mit großem Aug′, und schoß ihn nieder.

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Illustration zu Ein modernes Weib

Interpretation

Das Gedicht "Ein modernes Weib" von Maria Janitschek erzählt die Geschichte einer Frau, die von einem Mann schwer beleidigt wurde. Sie sucht ihn auf, um Vergeltung zu fordern, und bietet ihm die Wahl zwischen Waffen, um ihren Ehrverlust auszulöschen. Der Mann reagiert jedoch zunächst mit verlegenem Lächeln und später mit Gelächter, was die Frau tief verletzt. Sie versucht, ihm die Schwere ihrer Verletzung zu erklären, indem sie das Treten auf den Fuß mit dem Brechen ihres Herzens und ihrer Ehre vergleicht. Der Mann bleibt jedoch bei seiner Meinung, dass ein Mann nicht mit einer Frau kämpfen kann und dass das Weib zum Dulden und Vergeben da ist. Die Frau lacht daraufhin und erklärt, dass sie im neunzehnten Jahrhundert gewachsen ist und nicht mehr bereit ist, sich solchen Konventionen zu beugen. Sie schießt ihn mit ihren Worten nieder, indem sie ihm die Ignoranz und Arroganz seiner Haltung vor Augen führt. Das Gedicht verdeutlicht den Konflikt zwischen traditionellen Geschlechterrollen und dem aufkommenden modernen Frauenbild, das Selbstbestimmung und Gleichberechtigung fordert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
großen stolzerstarrten Augen
Anspielung
im neunzehnten Jahrhundert
Bildsprache
Wie, wenn die ganze Antwort / Dies Lachen wär'?
Hyperbel
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Ironie
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib / Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Kontrast
Entweder Selbstentehrung / Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach
Metapher
Ein Mann beleidigte ein Weib.
Personifikation
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre!
Rhetorische Frage
Verlang' ich mehr, als du verlangen würdest / Für einen unvorsichtigen Schritt, sag' selbst, / Ist das nicht billig?
Symbolik
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin / Und öffnete den Deckel.