Ein milder Wintertag

Annette von Droste-Hülshoff

1844

An jenes Waldes Enden, Wo still der Weiher liegt Und längs den Fichtenwänden Sich lind Gemurmel wiegt;

Wo in der Sonnenhelle, So matt und kalt sie ist, Doch immerfort die Welle Das Ufer flimmernd küßt:

Da weiß ich, schön zum Malen, Noch eine schmale Schlucht, Wo all die kleinen Strahlen Sich fangen in der Bucht.

Ein trocken, windstill Eckchen Und so an Grüne reich, Daß auf dem ganzen Fleckchen Mich kränkt kein dürrer Zweig.

Will ich den Mantel dichte Nun legen übers Moos, Mich lehnen an die Fichte Und dann auf meinen Schoß

Gezweig′ und Kräuter breiten, So gut ich′s finden mag: Wer will mir′s übel deuten, Spiel ich den Sommertag?

Will nicht die Grille hallen, So säuselt doch das Ried; Sind stumm die Nachtigallen, So sing′ ich selbst ein Lied.

Und hat Natur zum Feste Nur wenig dargebracht: Die Luft ist stets die beste, Die man sich selber macht.

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Illustration zu Ein milder Wintertag

Interpretation

Das Gedicht "Ein milder Wintertag" von Annette von Droste-Hülshoff schildert eine idyllische Winterlandschaft, die trotz der Kälte eine besondere Schönheit und Ruhe ausstrahlt. Die Dichterin beschreibt einen Waldsee, umgeben von Fichten, an dessen Ufer sich sanftes Murmeln und Flirren ausbreitet. Die Sonne mag matt und kalt sein, doch die Wellen küssen das Ufer immerfort. In einer schmalen Schlucht fängt sich das Licht in einer Bucht und schafft so einen malerischen Anblick. Die Dichterin findet ein trockenes, windstilles Eckchen, das reich an Grün ist. Hier legt sie ihren Mantel auf das Moos, lehnt sich an eine Fichte und breitet Zweige und Kräuter auf ihrem Schoß aus. Sie genießt die Stille und die Schönheit der Natur, selbst wenn keine Grillen zirpen oder Nachtigallen singen. Sie singt selbst ein Lied und macht sich die Luft, die sie atmet, selbst. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und die Fähigkeit, auch in der scheinbaren Kargheit des Winters Schönheit und Freude zu finden. Die Dichterin schafft sich ihre eigene sommerliche Atmosphäre, indem sie sich auf die kleinen Details und die Ruhe der Landschaft konzentriert. Es ist ein Loblied auf die Kraft der Fantasie und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst eine heitere und erfüllende Umgebung zu schaffen, unabhängig von äußeren Gegebenheiten.

Schlüsselwörter

will waldes enden still weiher liegt längs fichtenwänden

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
So matt und kalt sie ist
Bildlichkeit
Wo still der Weiher liegt
Kontrast
So matt und kalt sie ist
Metapher
Ein milder Wintertag
Personifikation
Die Luft ist stets die beste
Reimschema
AABB
Sinneseindruck
Sich fangen in der Bucht
Symbolik
Ein milder Wintertag