Ein meister las
unknownEin meister las, troum unde spiegelglas, daz si zem winde bî der stæte sîn gezalt. Loup unde gras, daz ie mîn vreude was, swiez nû erwinde, ez dunket mich alsô gestalt; Dar zuo die bluomen manicvalt, diu heide rôt, der grüene walt, der vogele sanc ein trûric ende hât; dar zuo der linde süeze unde linde. Sô wê dir, Werlt, wie dirz gebende stât !
Ein tumber wân den ich zer werlte hân, derst wandelbære, wande er bœsez ende gît: ich solte in lân, kunde ich mich wol verstân, daz er iht bære mîner sêle grôzen nît. mîn armez leben in sorgen lît: der buoze wære michel zît. nû vürhte ich siecher man den grimmen tôt, daz er mit swære mir geswære. vor vorhten bleichent mir diu wangen rôt.
Wie sol ein man der niwan sünden kann, genâden dingen oder gewinnen hôhen muot ? sit ich gewan den muot daz ich began zer werlte dingen merken übel unde guot, dô greif ich, als ein tôre tuot, zer winstern hant rehte in die gluot, und mêrte ie dem tievel sînen schal. des muoz ich ringen mit geringen: nû ringe und senfte ouch Jêsus mînen val.
Heiliger Krist, sît dû gewaltic bist der werlt gemeine, die nâch dir gebildet sint, gip mir die list daz ich in kurzer vrist alsam gemeine dich sam dîne erwelten kint. ich was mit sehenden ougen blint und aller guoten sinne ein rint, swiech mîne missetât der werlte hal. mache ê mich reine, ê mîn unreine versenke mich in daz verlorne tal.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Ein meister las" von Walther von der Vogelweide handelt von der Vergänglichkeit des Lebens und der Sehnsucht nach Erlösung. Der Sprecher reflektiert über die Schönheit der Natur, die ihm einst Freude bereitete, doch nun von Trauer und Verlust geprägt ist. Die Bilder von Wind, Gras, Blumen und Vögeln symbolisieren die flüchtige Natur des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Der Sprecher beklagt seine eigene Sterblichkeit und die Angst vor dem Jüngsten Gericht, da er sich seiner Sünden bewusst ist und befürchtet, dass diese seine Seele belasten könnten. Der zweite Teil des Gedichts thematisiert die menschliche Schwäche und die Unfähigkeit, ein sündenfreies Leben zu führen. Der Sprecher gesteht ein, dass er ständig in Versuchung gerät und sich selbst schadet, indem er die falschen Entscheidungen trifft. Er vergleicht sich mit einem Narren, der in die Flammen greift und sich selbst verbrennt. Trotz seiner Schwächen hofft der Sprecher auf die Gnade Jesu Christi und bittet um Vergebung für seine Sünden. Er erkennt an, dass er blind für die Wahrheit war und seine Sinne durch die Versuchungen der Welt getrübt wurden. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher direkt an Christus und bittet um Führung und Erlösung. Er erkennt die Allmacht Christi an und bittet um die Weisheit, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Der Sprecher gesteht seine eigene Unwürdigkeit und bittet um Reinigung von seinen Sünden, bevor er in das "verlorene Tal" hinabsteigt, was als Metapher für den Tod oder die Hölle interpretiert werden kann. Das Gedicht endet mit einer eindringlichen Bitte um Erlösung und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod in der Gemeinschaft mit Christus.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- mîn unreine versenke mich in daz verlorne tal