Ein Märtyrer
1863Jetzt sollt ihr hören ein rauhes Lied, von Frieden und Erbarmen leer! Der Wintemachtsturm schreit im Ried und peitscht das Schilf wie Heu umher; vor seinem Schnauben erstarrt das Moor, zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.
Ein Häuschen umheult er am Heiderand und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand und reißt an den Haspen und Sparren, daß sie kreischen vor Frost und knarren und drinnen am Ofen die Kinder erschauem und dichter zum Schöße der Mutter kauern.
Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt, zum Vater, der finster mit hastiger Faust Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt, die bittenden zitternden Hände: “Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.” Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust, weist ihr die Worte am Ende:
Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht, weil jeder nur immer sich selber bedacht. So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht. Drum schart euch, ihr Schwachen, zusammen! Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer, so schwellen die Wellen zum donnernden Meer, die Fünkchen zu sausenden Flammen!
Die Backen zucken ihm, und er spricht: Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht! ich hab′s den Genossen geschworen. Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf, sonst geht der Sieg uns verloren.
“Geh nicht, geh nicht! was schien der Sieg dein Weib und die jammernden Kleinen! Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht erst steht das Eis; o Gott, es kracht, es bricht! o sieh mich weinen!
Es schreit zum Himmel! dein Leben ist mein!” Da braust er auf vor Zorn und Pein: schrei lieber zu Teufel und Hölle! und hebt mit grimmiger Wucht die Last und fragt, schon tritt er die Schwelle:
Hat′s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht, daß ich tagtäglich in den Schacht meine Knochen für ′n Hungerlohn trage! und sollte mein Leben nicht Eine Nacht für Glück und Gerechtigkeit wagen?!
Leb wohl! - Ins Schloß die Klinke knallt. Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot. Vom fahlen Horizont her droht des Mondes Stirne blank und kalt. Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß. Der Mond legt übers dunkle Eis eine bleiche Straße.
Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht. Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht, schon schimmern - da knistert′s, da biegt es sich sacht. Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht und schollen; ein Aufschrei verbrodelt im Moor. Schrill winselt′s im Schilf, hohl röchelt′s im Rohr. Hui! zischt es und pfeift′s in den Binsen.
O rauher, o rauher, mein rauhes Lied! kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn! nach Opfern schreit der Sturm im Ried. Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn, dann schießt in Halme die junge Saat, der Tag der Auferstehung naht!
Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis, dann wühlt er die Opfer empor vom Grund, die Helden alle, die niemand weiß; und jedes Toten vermodener Mund wird klaffend nach Rache blecken und tausend Lebendige wecken!
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Märtyrer" von Richard Dehmel erzählt die Geschichte eines Bergmanns, der sich trotz der Bitten seiner Familie aufmacht, um Flugblätter für eine revolutionäre Sache zu verteilen. Der Sturm und die winterliche Kälte symbolisieren die Schwierigkeiten und Gefahren, denen er sich aussetzt. Seine Frau fleht ihn an, nicht durch das gefährliche Moor zu gehen, doch er bleibt standhaft und erinnert sie an die Notwendigkeit, sich gegen Unterdrückung zu erheben. Der Bergmann sieht sich als Teil einer größeren Bewegung, die für Gerechtigkeit und Freiheit kämpft, und ist bereit, sein Leben für diese Sache zu opfern. Die innere Zerrissenheit des Bergmanns wird deutlich, als er seiner Frau entgegnet, dass ihr Herrgott ihm nicht genug für seine harte Arbeit im Bergwerk gegeben hat. Er stellt die Frage, warum er nicht eine Nacht für das Glück und die Gerechtigkeit riskieren sollte. Diese Worte verdeutlichen seinen Entschluss und seine Überzeugung, dass der Kampf für eine bessere Zukunft den persönlichen Verlust wert ist. Der Sturm, der das Gedicht durchzieht, symbolisiert sowohl die äußeren Widrigkeiten als auch die innere Unruhe und den Kampfgeist des Protagonisten. Das Gedicht endet mit dem vermeintlichen Tod des Bergmanns im Moor, doch dies ist kein trauriges Ende. Dehmel deutet an, dass der Märtyrer durch seinen Tod zu einem Symbol für die Sache wird, für die er gekämpft hat. Der Frühlingsföhn und die Auferstehung am Ende des Gedichts symbolisieren die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Idee, dass die Opfer der Helden nicht umsonst waren. Die Toten werden als Stimmen des Widerstands wiedererweckt, die die Lebenden dazu aufrufen, den Kampf fortzusetzen. Das Gedicht ist somit eine Hymne auf den Märtyrer und den unermüdlichen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- und tausend Lebendige wecken
- Personifikation
- und jedes Toten vermodener Mund wird klaffend nach Rache blecken