Ein Märchen

Max Dauthendey

1886

Wollt ihr ein Märchen erlauschen? Ein Märchen? - Ich weiß eines.

O so wunderbar fein, so zart. Wollt′ ich′s in Laute, in Töne gestalten, Wäre jeder Laut, jeder Ton zu lauttönend.

Vorsicht! Behutsam! Denkt leise!

Sonnenfunken - goldner Hauch - Löscht ihn nicht - leise! leise!

Ein Garten, eine Gestalt - ein Mädchen. Rings auf zitternden Schwingen Farben und Düfte, Und mein Mädchen mitten in Farbe und Duft. Schwarzgrüne Büsche stumm, atemstockend, Und darunter Blütenherzen, Wildrote pochende Herzen, Pochend in hast′gem Genießen.

Sie singt. Ihre Träume sind ihre Lieder.

Weiße Astern, Blendende Astern, Wie sie sich wiegen. Und der Garten singt Und die Büsche, Alles, alles singt in Farben und Düften.

Starrst du auf Rosen, Nimm dich in acht. Rosen sengen, brennen, Weißt du das! Sie weiß nichts. Ahnte sie nur die Glut, Müsste sie zitternd erglühn.

Aber Flammen wärmen, Und Wärme weckt Flammen. O berühre nicht! - Fort! - Flieh! O berühre sie nicht!

Zu spät! Erschrick nicht, rette, Rette aus Flammen den Duft.

Angstfahle Blässe knirscht, Aber Reue zermalmt nicht. Auf weißen Astern schwarze Erde. Warum schwarze Erde? Warum nicht der Tod?

Erde ist Leben.

Auf weißen Astern schwarze Erde. - Das ist mein Märchen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Ein Märchen

Interpretation

Das Gedicht "Ein Märchen" von Max Dauthendey erzählt eine zarte, fast traumhafte Geschichte, die mit großer Vorsicht und Feinfühligkeit behandelt werden muss. Der Sprecher warnt den Zuhörer davor, die fragile Schönheit des Gedichts zu stören, indem er sie zu laut oder zu deutlich ausspricht. Die Sprache selbst ist voller Metaphern und Anspielungen, die die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Dargestellten betonen. Im Zentrum des Gedichts steht ein Garten, in dem ein Mädchen singt. Dieser Garten ist ein Ort voller Farben und Düfte, in dem alles zu pulsieren und zu leben scheint. Die Rosen, Symbole für Leidenschaft und Schönheit, werden als gefährlich dargestellt, da sie "sengen" und "brennen". Das Mädchen, das nichts von dieser Gefahr ahnt, ist der Auslöser für eine tragische Entwicklung. Die Warnung, sie nicht zu berühren, unterstreicht die Gefahr, die von der ungebändigten Leidenschaft ausgeht. Die Handlung kulminiert in einem unausweichlichen Unglück: Es ist zu spät, die Flammen der Leidenschaft konnten nicht gelöscht werden. Die "Angstfahle Blässe" und die "schwarze Erde" auf den "weißen Astern" symbolisieren den Verlust und die Zerstörung, die durch die unkontrollierte Leidenschaft entstanden sind. Doch selbst in diesem Moment des Verlusts wird betont, dass "Erde Leben" ist, was auf eine zyklische Natur von Leben und Tod hindeutet. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die schwarze Erde auf den weißen Astern das Märchen selbst ist, eine Geschichte von Schönheit, Leidenschaft und Verlust, die in ihrer Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit ihre tiefere Bedeutung findet.

Schlüsselwörter

astern erde märchen leise singt flammen schwarze wollt

Wortwolke

Wortwolke zu Ein Märchen

Stilmittel

Alliteration
Schwarzgrüne Büsche stumm, atemstockend
Anapher
Leise! leise!
Enjambement
Ein Garten, eine Gestalt - ein Mädchen. / Rings auf zitternden Schwingen Farben und Düfte,
Hyperbel
Wäre jeder Laut, jeder Ton zu lauttönend
Kontrast
Auf weißen Astern schwarze Erde
Metapher
Sonnenfunken - goldner Hauch
Personifikation
Und der Garten singt
Symbolik
Rosen sengen, brennen