Ein Lied vom Tode
1848Auf den Hügeln steht er im Morgenrot, Das gezückte Schwert in der sehn′gen Hand. »Wer ich bin? ich bin der Befreiertod! Bin der Tod für die Menschheit, das Vaterland! Nicht der Leisetreter am Krankenpfühl, Der den Greis und das Kind auf die Bahre legt – Nein, der eiserne Stürmer im Kampfgewühl, Der den Mann und den trotzigen Jüngling erschlägt!
»Unterm blauen lustigen Himmelszelt, Da durchflieg′ ich, da licht′ ich die jauchzenden Reih′n; Da werf′ ich sie hin auf das Ackerfeld, Auf die Blumenflur, auf den Pflasterstein! O, wie stirbt es sich schön in der Kraft, im Zorn: Sie liegen, emporgewandt den Blick; Sie liegen, die Todeswunde vorn Und das bleiche blutige Haupt im Genick!
»So lagen die Tapfern an Wien und Spree; So lagen die Turner am Eiderfluß; So lagen auf jener Schwarzwaldhöh′ Die Freistaatmänner, gefällt vom Schuß. So liegen und lagen sie hundertweis, Die der März gefordert und der April; So findet sie liegen die Rose des Mais, Daß ihr Grab sie bekränze freundlich und still!
»Die Rose des Mais! – Ja, was bringt der Mai? Ich will es euch sagen: Hieb und Stich! Ich will es euch sagen: Trompetenschrei, Knatternde Salven und abermals mich! Denn ihr sollt euch gründlich und ganz befrein, Und das leuchtende Gold, das die Fahn′ euch schmückt Sei die Tresse nicht bloß, die des Lakai′n, Die des Kammerdieners Livree bestickt!
»Ja, ihr habt, was ihr tatet, nur halb getan! – Wer ist, der die Kugel hemmen darf? Sie roll′ und sie donn′re auf ihrer Bahn, Bis sie viermal alle Neune warf! Euch heißt »Rebell« der entschiede Mann. Der die volle Freiheit zu fordern wagt? – Ei, wie man so bald nur vergessen kann, Daß von Aufruhrs Gnaden zu Frankfurt man tagt!
»Demokratische Basis,« die »breiteste« gar! »Parlament« und »Verfassung,« »Kaiser und Reich!« Von dem allen ist nur das eine klar: Einer »Basis« bedürft ihr – ja wohl, für euch! Eines Stuhles, auf dem ihr behaglich sitzt; Eines »breitesten,« drauf ihr breit euch macht! Ihr wollt nur ein Jahr, das wie dreißig blitzt – Ihr wollt kein Gewitter von vierzig und acht!
»Doch wir schreiben jetzt achtundvierzig, ihr Herrn! Und das Wetter ist da, und ihr haltet′s nicht auf! Und wie ihr euch stellen mögt und sperr′n: Es nivelliert bis zu euch herauf! Wolken auf Wolken, und Strahl auf Strahl, Und der Donner kracht, und das Echo gellt; Der Odem Gottes wieder einmal Reinigt die faul gewordene Welt!
»Und der sendet auch mich! Ja, ich kam mit dem März, Schreite streng und ernst von Gefild zu Gefild, Reiße die Besten, die Kühnsten ans Herz, Lasse sie fallen feurig und wild! Und so werd′ ich schreiten und töten zumal, Bis die Sonne folgt auf das Morgenrot! O, du Weihelenz in Lust und in Qual – Vorwärts! ich bin der Befreiertod!«
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Lied vom Tode" von Ferdinand Freiligrath ist eine dramatische Ode an den revolutionären Tod. Der Tod selbst tritt als Sprecher auf und präsentiert sich als Befreier und Befreiertod, der im Kampf für Freiheit und Vaterland sein Schwert zückt. Er unterscheidet sich vom Tod, der Kranken und Alten das Leben nimmt, und stellt sich als eiserne Stürmerfigur im Kampfgewühl dar, die den Mutigen und Jungen den Tod bringt. Der Tod beschreibt, wie er auf den Schlachtfeldern von Wien, Spree und Eider seine Opfer findet, die in der Kraft und im Zorn sterben. Er erwähnt die Märtyrer des März und April, die für die Revolution ihr Leben ließen, und prophezeit, dass der Mai weitere Opfer fordern wird. Der Tod kritisiert die bürgerlichen Revolutionäre, die nur halbherzig für die Freiheit kämpfen und sich mit parlamentarischen Spielchen begnügen, anstatt die volle Freiheit zu fordern. Der Tod kündigt an, dass er mit dem März gekommen ist und bis zum Sieg schreiten und töten wird. Er vergleicht die Revolution mit einem Gewitter, das die faul gewordene Welt reinigt. Der Odem Gottes sendet ihn als Befreiertod, der die Besten und Kühnsten in seinen Arm reißt und feurig und wild fallen lässt. Das Gedicht endet mit dem triumphalen Ruf des Todes: "Vorwärts! ich bin der Befreiertod!" und beschwört so den revolutionären Geist und den heroischen Tod für die Sache der Freiheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Sie liegen, emporgewandt den Blick
- Gegensatz
- Nicht der Leisetreter am Krankenpfühl... Nein, der eiserne Stürmer im Kampfgewühl
- Metapher
- ich bin der Befreiertod
- Personifikation
- Auf den Hügeln steht er im Morgenrot