Ein Lied für Schwindsüchtige

Matthias Claudius

1756

Weh mir! Es sitzt mir in der Brust, Und drückt und nagt mich sehr; Mein Leben ist mir keine Lust Und keine Freude mehr.

Ich bin mir selber nicht mehr gleich, Bin recht ein Bild der Not, Bin Haut und Knochen, blaß und bleich, Und huste mich fast tot.

Die Luft, drein herrlich von Natur Gott seinen Segen senkt, Und daraus alle Kreatur Mit Heil und Leben tränkt;

Die ist für mich nicht frei, nicht Heil. Mein Atem geht schwer ein; Ich muß um mein bescheiden Teil Mich martern und kastein.

Und doch labt′s und erquickt′s mich nicht, Macht′s mir nicht frischen Sinn; Die Blume, die der Wurm zersticht, Welkt jämmerlich dahin!

Auch Schlaf, der alle glücklich macht, Will nicht mein Freund mehr sein, Und lässet mich die ganze Nacht Mit meiner Not allein.

Die Ärzte tun zwar ihre Pflicht, Und fuschern drum und dran; Allein sie haben leider nicht Das, was mir helfen kann.

Mein Hülf allein bleibt Sarg und Grab, O sängen an der Tür Sie schon, und senkten mich hinab! Wie leicht und wohl wär′s mir!

O sängen doch an meiner Tür Sie laut: “Ich habe meine Sach etc.” Und trügen mich, und folgten mir In langer Reihe nach,

Rund um die Kirch ans Grab heran, Und senkten mich hinein! - Ich läg und hätte Ruhe dann, Und fühlte keine Pein.

Doch ich will leiden, bis Gott ruft, Gern leiden bis ans Ziel. Nur deinen Trost! und etwas Luft! Du hast der Luft so viel.

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Illustration zu Ein Lied für Schwindsüchtige

Interpretation

Das Gedicht "Ein Lied für Schwindsüchtige" von Matthias Claudius beschreibt die körperlichen und seelischen Qualen eines an Tuberkulose Erkrankten. Der Sprecher leidet unter starken Brustschmerzen, Husten und allgemeiner Schwäche, die sein Leben zur Qual machen. Er fühlt sich nicht mehr wie er selbst, sondern ist ein "Bild der Not", gezeichnet von Haut und Knochen. Die Luft, die für andere Menschen eine Quelle des Lebens und der Erquickung ist, bereitet ihm keine Erleichterung mehr. Selbst der Schlaf, der normalerweise Trost spendet, lässt ihn in seiner Not allein. Die Ärzte können dem Sprecher nicht helfen, und er sehnt sich nach dem Tod als Erlösung von seinem Leiden. Er wünscht sich, dass die Totengräber schon an seiner Tür singen und ihn ins Grab tragen, wo er endlich Ruhe finden würde. Die Vorstellung von seinem eigenen Tod und Begräbnis wird als Sehnsuchtsort beschrieben, an dem er keine Schmerzen mehr empfinden würde. Trotz seiner Verzweiflung und dem Wunsch nach dem Tod, will der Sprecher sein Leiden bis zuletzt ertragen. Er bittet nur um Trost und etwas Luft, die ihm in seiner Not Linderung verschaffen mögen. Das Gedicht vermittelt eindrücklich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und den Wunsch nach Erlösung, der den Kranken in seinem körperlichen und seelischen Elend begleitet.

Schlüsselwörter

keine mehr luft allein leben not gott alle

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Stilmittel

Anapher
O sängen doch an meiner Tür Sie laut: "Ich habe meine Sach etc." Und trügen mich, und folgten mir In langer Reihe nach,
Apostrophe
Nur deinen Trost! und etwas Luft! Du hast der Luft so viel.
Hyperbel
Mein Hülf allein bleibt Sarg und Grab, O sängen an der Tür Sie schon, und senkten mich hinab! Wie leicht und wohl wär's mir!
Kontrast
Die ist für mich nicht frei, nicht Heil. Mein Atem geht schwer ein; Ich muß um mein bescheiden Teil Mich martern und kastein.
Metapher
Doch ich will leiden, bis Gott ruft, Gern leiden bis ans Ziel.
Personifikation
Auch Schlaf, der alle glücklich macht, Will nicht mein Freund mehr sein, Und lässet mich die ganze Nacht Mit meiner Not allein.