Ein Kreuzzeichen in der neuesten Facon

Wilhelm Müller

1837

Ich Kreuz, mein eignes Kreuz euch klage, Wie man mir mitspielt heutzutage. In allen bunten Modebuden, Bei Christen, Heiden oder Juden, Hat man mich feil von Gold und Eisen, Und, um mir Ehre zu erweisen, Trägt mich die Dirn auf nackten Brüsten Bei eitlem Stolz und wilden Lüsten. Auch auf dem Putztisch muß ich stehen, Und schminken, kleben, pflastern sehen, Und abends schmück ich dann die Feste, Zur Unterhaltung frommer Gäste. In euren neuen Almanachen Muß ich das Titelkupfer machen, Und darf im Innern auch nicht fehlen, Muß im Sonett mich lassen quälen, Und zwischen Schilling, Laun und Clauren Ein liebes langes Jahr ausdauern. Selbst in den Zuckerbäckerladen Werd ich geprägt auf Tort′ und Fladen, Und eingewickelt in Papieren Muß ich Bonbons als Bildchen zieren; Fürwahr, ich wäre schon verkommen, Hätt sich nicht meiner angenommen Die Politik auf ihrem Throne, Und aus des dummen Pöbels Hohne Mich glorreich zu sich aufgehoben. Seitdem schweb ich zwar wieder oben, Und werd in Akten und Traktaten Geehrt von frommen Diplomaten; Allein im schönen Morgenlande Läßt mich, zu aller Christen Schande, Trotz allem Jammern, allem Beten, Frau Politik mit Füßen treten. Ich seufz und muß darein mich finden: Wer kann die Politik ergründen?

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Illustration zu Ein Kreuzzeichen in der neuesten Facon

Interpretation

Das Gedicht "Ein Kreuzzeichen in der neuesten Facon" von Wilhelm Müller thematisiert die Verbreitung und den Missbrauch des Kreuzzeichens in der modernen Gesellschaft. Der Sprecher, das Kreuz selbst, beklagt, dass es in verschiedenen Kontexten kommerzialisiert und profanisiert wird. Es wird in Modebuden verkauft, von Frauen als Schmuck getragen und sogar auf Süßigkeiten abgebildet. Das Kreuz wird seiner ursprünglichen spirituellen Bedeutung beraubt und zu einem bloßen modischen Accessoire degradiert. Das Gedicht verdeutlicht die allgegenwärtige Präsenz des Kreuzzeichens in verschiedenen Lebensbereichen. Es erscheint auf Titelkupfern von Almanachen, wird in Sonetten besungen und findet sich sogar auf Torten und Fladen in Zuckerbäckerläden wieder. Das Kreuz wird zu einem Symbol der Oberflächlichkeit und des Eitels, das seinen tieferen religiösen und spirituellen Gehalt verloren hat. Trotz seiner Verbreitung und scheinbaren Glorifizierung durch die Politik, bleibt das Kreuz letztendlich ein Symbol, das von den Mächtigen missbraucht wird. Die Politik nutzt es für ihre Zwecke, doch im "schönen Morgenlande" wird es von der Politik selbst mit Füßen getreten. Das Gedicht endet mit einem resignativen Seufzer des Kreuzes, das sich der Unergründlichkeit der Politik beugen muss.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wie man mir mitspielt heutzutage
Hyperbel
Und darf im Innern auch nicht fehlen
Ironie
Und aus des dummen Pöbels Hohne
Kontrast
Seitdem schweb ich zwar wieder oben
Metapher
Die Politik auf ihrem Throne
Personifikation
Ich Kreuz, mein eignes Kreuz euch klage
Rhetorische Frage
Wer kann die Politik ergründen?
Wiederholung
Trotz allem Jammern, allem Beten