Ein Knabe stand ich
1874Ein Knabe stand ich so im Frühlingsglänzen und meinte aufzuschweben in das All, unendlich Sehnen über alle Grenzen durchwehte mich in ahnungsvollem Schwall! Und Wanderzeiten kamen, rauschumfangen! Da leuchtete manchmal die ganze Welt, und Rosen glühten, und die Glocken klangen von fremdem Lichte jubelnd und erhellt: Wie waren da lebendig alle Dinge dem liebenden Erfassen nah gerückt, wie fühlt’ ich mich beseelt und tief entzückt, ein lebend Glied im großen Lebensringe! Da ahnte ich, durch mein Herz auch geleitet, den Liebesstrom, der alle Herzen nährt, und ein Genügen hielt mein Ich geweitet, das heute kaum mir noch den Traum verklärt
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Knabe stand ich" von Hugo von Hofmannsthal beschreibt die Sehnsucht und das tiefe Erleben der Natur und des Lebens in der Jugend. Der junge Sprecher fühlt sich im Frühlingsglanz von einem unendlichen Verlangen ergriffen, das ihn über alle Grenzen hinaustragen möchte. Er erlebt eine Zeit des Rausches, in der die ganze Welt in einem besonderen Licht erstrahlt und die Rosen glühen. Die Glocken klingen erfüllt von fremdem Licht und Jubel. Alles Lebendige rückt dem liebenden Erfassen des Sprechers nahe, und er fühlt sich beseelt und tief entzückt als ein lebendes Glied im großen Lebensring. Er ahnt den Liebesstrom, der alle Herzen nährt, und ein Genügen weitet sein Ich. Das Gedicht vermittelt eine starke Nostalgie und Wehmut, da der Sprecher heute kaum noch den Traum seiner Jugend verklären kann. Die intensive Verbundenheit mit der Natur und dem Leben, die er als Junge empfand, scheint ihm im Erwachsenenalter verloren gegangen zu sein. Das Gedicht thematisiert den Verlust der Unschuld und der unmittelbaren, ungefilterten Wahrnehmung der Welt, die mit dem Älterwerden einhergeht. Es beschreibt die Sehnsucht nach der Intensität und dem Gefühl der Einheit mit allem Lebendigen, das der Sprecher in seiner Jugend erfahren hat. Die Sprache des Gedichts ist sehr bildhaft und sinnlich. Hofmannsthal verwendet starke Metaphern wie den "Liebesstrom", der alle Herzen nährt, und den "großen Lebensring", in den sich der Sprecher als lebendes Glied eingefügt fühlt. Die Wiederholung des Wortes "wie" in den Zeilen 9 und 10 betont die Intensität des Erlebens. Die Alliterationen in den Zeilen 2 und 3 ("aufzuschweben", "unendlich") und die Enjambements in den Zeilen 1, 2 und 3 verstärken den Schwung und die Dynamik des Gedichts. Insgesamt ist das Gedicht ein eindringliches Plädoyer für die Bewahrung der kindlichen Fähigkeit zum Staunen und zum tiefen Erleben der Welt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Rosen glühten
- Hyperbel
- aufzuschweben in das All
- Metapher
- ein lebend Glied im großen Lebensringe
- Onomatopoesie
- Glocken klangen
- Personifikation
- Sehnen durchwehte mich
- Symbolik
- Frühlingsglänzen als Symbol für Jugend und Hoffnung