Ein Klag über den Lutherischen Brand zu Mentz

Ulrich von Hutten

1521

Ists nun, ach Gott, do kommen zu, Das, so hast uns gelehret du, Das auch nit sträflich, sonder wahr, Den Leuten niemand sagen gdar? Soll nun dein göttlich Wort zergahn? Und nehmen alle Menschen an, Was hat gesetzt ein sterblich Mann? Ach Gott, soll Wahrheit haben End, Dein heilig Stiftung werden ztrennt, Die du doch gesetzt auf festen Grund, Gelernet hast mit eignem Mund Und wolltest, daß die blieben stet. Nimm wahr, Gott Herr, dein Wort zergeht. Hie brennt des frummen Luthers Gschrift, Drumb, daß sie dein Gesetz betrifft, Und daß es ist die Wahrheit bloß, Wie die aus deinem Mund erschoß. Hie brennen, Herr, viel guter Wort, Hie wird dein göttlich Lehr ermordt, Hie tut man G[e]walt der Predig dein, Hie gibt man alles Lasters Schein, Hie wird deim Gsetz entgegen gtan. Hie heißt man loben jedermann, Das doch nie billig wart, noch recht, Hie wird Unbillicheit vorfecht, Hie wird der päpstlich Stand geehrt Und undertruckt, was du gelehrt, Hie lehrt man, Rauben sei kein Sünd, Hie lobt man böse List und Fünd, Hie kriegt man wider Ehrberkeit, Hie gilt nit mehr, was du hast gseit, Hie wird dein Evangelium voracht, Hie übt der Papst ein unvorschamten Pracht, Hie wird zu Recht Unrecht gemacht, Hie ist wahr Geistlicheit vorlacht, Hie geht vor Billicheit Gewalt, Hie hat Unschuld kein Aufenthalt, Hie man bekümmt all Ding umbs Geld, Hie wird all Redlicheit zerfällt, Und ist bedort die ganze Welt. Hie gibt man Ablaß und Genad, Doch keinem, der nit Pfennig hat, Hie wird gelogen, hie gedicht, Ein Sünd vorgeben, ee sie gschicht. Darumb der Schand trägt niemand Scham. Hie wird vorschworn dein heilger Nam, Und doch gehalten nit ein Wort, Das Recht gebraucht an keinem Ort, Hie wird verkauft der Himmel dein, Geurteilt zu der Helle Pein Ein jeder, der hinwider sagt, Hie ist, wer Wahrheit pflegt, vorjagt, Hie wird teutsche Nation beraubt, Umbs Geld viel böser Ding erlaubt, Hie bdenkt man nit der Seelen Heil, Hie bistu, Herrgott, selber feil, Und die dein Schaf befolhen han, Allein die Nutzung sehen an. Vorhüten niemand denkt dein Herd. Was du gesagt, ist ganz vorkehrt, Und ist ein Leo worden Hirt. Derselb dein Schäflein schabt und schirt Und würgt sie nach dem Willen sein, Gibt Ablaß aus, nimmt Pfennig ein Mit seiner Gesellschaft, die er hat, Die geben diesen Dingen Rat, Viel Schreiber, und Kopisten viel, Die machen, was ein ider will, Und schreibents dann der Kirchen zu, Als hättest das vorwilligt du Und sei zu Rom die Kirch allein. Ach Gott, nun mach dich wieder gmein, Als hast von Anbeginn getan, Laß nit die Bösen Herrschung han, Laß undertrucken nit dein Lehr. Ach Herr, den Sinn des Papsts bekehr, Daß er laß von der Tyrannei, Und steh dem Recht und Wahrheit bei. Schaff, daß sein Mut werd abgewendt Von Ehren, die bald haben End, Und von dem Reichtumb dieser Welt, Das wird in kurzer Weil zerfällt, Und denkt allein auf geistlich Sach, Do du ihn auch hießt stellen nach, So wird dein Wahrheit haben statt, Und diesen Sachen geben Rat. Dann deiner Lehr ist nit gemäß, Daß jemer hab der Welt Besäß, Und sich darneben underwind Der Geistlicheit, und so geschwind Herrsch über dein Gesalbten Schar. Ach, Herrgott, nimm der Sachen wahr, Daß werd der Glaub nit gar zertrennt, Genommen ab dein Testament. Sich, wie man deinen Schäfer trägt, Mit Seiden, Purpur angelegt, Wie er so weiblich ist geziert, Wie man ihm schmeichlet und hofiert. Sich, wie er Wollust treibt und Pracht, Dadurch du werden magst veracht Bein Heiden und ins Türkenland, Dann sölichs ist ihn wohlbekannt, Und wissen dich zu schelten nit Dann durch des Papsts verkehrten Sitt. Hierumb ihm gib ein andern Sinn, Daß werd gezogen Bosheit hin, Und sei ein besser Regiment. Jedoch wird Luther jetzt geschändt, Sein Gschrift und gute Lehr vorbrennt, Das sei dir, werder Christ geklagt, Er ist nie gefordert, nie betagt, Wiewohl er sich erbeut zu Recht. Man tut Gewalt dem Gottesknecht, Umb daß er Wahrheit gpredigt hat. Ach, Herrgott, gib uns Hülf und Rat. Es ist gewütet je genug, Du sichst ihrn Glimpf und auch ihr Fug. Dich aber, liebster Bruder mein, Durch solich Macht vorgwaltigt sein, Bin deinethalben ich beschwert, Doch hoff ich, es werd widerkehrt, Und werd gerochen dein Unschuld. Drumb, Diener Gottes, hab Geduld. Möcht ich dir aber Beistand tun, Und raten diesen Sachen nun, So wöllt ich, was ich hab am Gut Nit sparen, noch mein eigen Blut. Gott wird es aber rächen bald, Vorwahr, du mir das glauben sallt, Dann er den Grechten nie vorließ, Da laß dich auf, es ist gewiß. Ich habs gewagt.

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Illustration zu Ein Klag über den Lutherischen Brand zu Mentz

Interpretation

Das Gedicht "Ein Klag über den Lutherischen Brand zu Mentz" von Ulrich von Hutten ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die Missstände in der katholischen Kirche zur Zeit der Reformation. Der Autor beklagt den Brand von Luthers Schriften in Mainz und sieht darin ein Symbol für die Unterdrückung der Wahrheit und des Evangeliums durch die kirchliche Hierarchie. Er wirft dem Papst und seinen Gefolgsleuten vor, sich durch Lügen, Gewalt und Bestechung an die Macht gebracht zu haben und die geistlichen Belange zugunsten weltlichen Reichtums und Einflusses zu vernachlässigen. Hutten beschreibt eindringlich die Verderbnis und den moralischen Verfall, der seiner Meinung nach in der Kirche herrscht. Er kritisiert den Luxus und die Wollust der Geistlichen, die den Glauben verraten und sich selbst bereichern. Er beklagt die Ausbeutung der Gläubigen durch den Ablasshandel und die Verdammung all jener, die sich gegen die kirchliche Lehre stellen. Dabei stellt er die Frage, ob die Wahrheit am Ende sei und ob das Wort Gottes vergehen solle. Abschließend appelliert Hutten an Gott, die Kirche vor dem Untergang zu bewahren und den Papst zur Umkehr zu bewegen. Er fordert eine Rückbesinnung auf die geistlichen Werte und eine Abkehr vom Streben nach weltlichem Reichtum und Macht. Er zeigt sich überzeugt davon, dass Gott die Gerechten nicht im Stich lassen wird und dass sich die Wahrheit am Ende durchsetzen wird.

Schlüsselwörter

hie nit wahrheit gott recht werd hast wahr

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Stilmittel

Anapher
Hie brennt des frummen Luthers Gschrift, Drumb, daß sie dein Gesetz betrifft, Und daß es ist die Wahrheit bloß, Wie die aus deinem Mund erschoß. Hie brennen, Herr, viel guter Wort, Hie wird dein göttlich Lehr ermordt, Hie tut man G[e]walt der Predig dein, Hie gibt man alles Lasters Schein, Hie wird deim Gsetz entgegen gtan. Hie heißt man loben jedermann, Das doch nie billig wart, noch recht, Hie wird Unbillicheit vorfecht, Hie wird der päpstlich Stand geehrt Und undertruckt, was du gelehrt, Hie lehrt man, Rauben sei kein Sünd, Hie lobt man böse List und Fünd, Hie kriegt man wider Ehrberkeit, Hie gilt nit mehr, was du hast gseit, Hie wird dein Evangelium voracht, Hie übt der Papst ein unvorschamten Pracht, Hie wird zu Recht Unrecht gemacht, Hie ist wahr Geistlicheit vorlacht, Hie geht vor Billicheit Gewalt, Hie hat Unschuld kein Aufenthalt, Hie man bekümmt all Ding umbs Geld, Hie wird all Redlicheit zerfällt, Und ist bedort die ganze Welt.
Apostrophe
Ach Gott, nun mach dich wieder gmein, Als hast von Anbeginn getan, Laß nit die Bösen Herrschung han, Laß undertrucken nit dein Lehr. Ach Herr, den Sinn des Papsts bekehr, Daß er laß von der Tyrannei, Und steh dem Recht und Wahrheit bei.
Bildliche Sprache
Hie brennt des frummen Luthers Gschrift, Drumb, daß sie dein Gesetz betrifft, Und daß es ist die Wahrheit bloß, Wie die aus deinem Mund erschoß.
Hyperbel
Und ist bedort die ganze Welt.
Kontrast
Hie wird zu Recht Unrecht gemacht, Hie ist wahr Geistlicheit vorlacht, Hie geht vor Billicheit Gewalt, Hie hat Unschuld kein Aufenthalt.
Metapher
Es ist ein Leo worden Hirt.
Parallelismus
Hie wird gelogen, hie gedicht, Ein Sünd vorgeben, ee sie gschicht. Darumb der Schand trägt niemand Scham. Hie wird vorschworn dein heilger Nam, Und doch gehalten nit ein Wort, Das Recht gebraucht an keinem Ort, Hie wird verkauft der Himmel dein, Geurteilt zu der Helle Pein Ein jeder, der hinwider sagt, Hie ist, wer Wahrheit pflegt, vorjagt, Hie wird teutsche Nation beraubt, Umbs Geld viel böser Ding erlaubt, Hie bdenkt man nit der Seelen Heil, Hie bistu, Herrgott, selber feil, Und die dein Schaf befolhen han, Allein die Nutzung sehen an.
Personifikation
Denn deiner Lehr ist nit gemäß, Daß jemer hab der Welt Besäß, Und sich darneben underwind Der Geistlicheit, und so geschwind Herrsch über dein Gesalbten Schar.
Rhetorische Frage
Soll nun dein göttlich Wort zergahn? Und nehmen alle Menschen an, Was hat gesetzt ein sterblich Mann?
Symbolik
Hie brennt des frummen Luthers Gschrift, Drumb, daß sie dein Gesetz betrifft, Und daß es ist die Wahrheit bloß, Wie die aus deinem Mund erschoß.