Ein Kameradenfest
1888Etlich und zwanzig Kameraden Begiengen ein heitres Fest, Sie hatten einander geladen Von Süden, Nord, Ost und West.
Sie gedachten der Klosterhallen Im grünen, felsigen Thal, Sie sahen sich wieder wallen In der Jugend Morgenstrahl.
Schon Manchem hatte die Locken Des Lebens Winter geraubt, Schon Manchem die weißen Flocken Geschüttelt auf’s ernste Haupt.
Die vergangenen Scherze wieder Brachten sie auf den Plan, Sie sangen die alten Lieder Von Follen, von Arndt und Jahn.
Und einer der alten Knaben Zog ein Gedicht hervor Und las es und wußte zu laben, Zu rühren den ganzen Chor.
Von allen Seiten sprangen Die lobenden Zecher zu Hauf: »Bravo!« Die Gläser klangen, Man ließ ihn leben – »wohlauf!«
Dankend erhebt der Dichter Sein Glas mit freudigem Schwung, Die Augen glänzen ihm lichter, Als wäre er wieder jung.
Und wie ihm der Kelch soeben In der Hand noch erklingt und blinkt, »Hoch!« rief er, »die Jugend soll leben!« Da bricht er zusammen und sinkt.
Noch jubelte, trank und lachte Abseits manch heitrer Gesell, Der nicht an Schreckliches dachte, – Es kam wie ein Blitz so schnell.
Er liegt uns zuckend im Arme, Noch sind seine Wangen roth, Doch das Leben entflieht, das warme, Er röchelt, verblaßt, ist todt.
Er war der schönste gewesen In der blühenden Jugendschaar Und im Antlitz war ihm zu lesen: Verständig und schlicht und wahr.
Sah man ihn ringen und springen Im rüstigen Wettverein, Die schlanken Glieder ihn schwingen, Man glaubte in Sparta zu sein. –
Auf Kissen legt man ihn nieder, Man drückt ihm die Augen zu, Rings stehen die stummen Brüder; Da liegt er in sanfter Ruh.
Es schwinden von Stirn und Munde Die Spuren von Qual und Krampf, Keine Furche gibt noch Kunde Vom stürmischen Todeskampf.
Lächelnd scheint er zu sagen: Nichts weiß ich von eurem Schmerz, Und wer da noch wollte klagen, Der zeigte kein männlich Herz.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Kameradenfest" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt ein Treffen von 21 ehemaligen Schulkameraden, die sich nach vielen Jahren wiedersehen. Sie erinnern sich an ihre gemeinsame Zeit in der Klosterschule und singen alte Lieder. Einer der Kameraden, der Dichter, wird für sein Gedicht gefeiert, bricht aber plötzlich zusammen und stirbt. Die anderen sind schockiert und bestürzt, legen ihn auf Kissen und schließen seine Augen. Sein Gesicht wirkt friedlich und lächelnd, als ob er ihnen sagen wollte, dass sie nicht traurig sein sollen. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Unberechenbarkeit des Todes. Es zeigt, wie schnell sich die Stimmung von fröhlich und ausgelassen zu traurig und ernst wandeln kann. Der plötzliche Tod des Dichters wirft einen Schatten auf die Feier und erinnert die Kameraden daran, dass das Leben endlich ist. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die eigene Sterblichkeit und die Wichtigkeit an, das Leben zu genießen und die Zeit mit geliebten Menschen zu schätzen. Das Gedicht kann auch als Metapher für die Vergänglichkeit der Jugend und die Unausweichlichkeit des Alterns und Sterbens gelesen werden. Die Kameraden, die sich in ihrer Jugend kannten und zusammen aufwuchsen, sind nun älter und einige haben bereits ihr Haar verloren. Der plötzliche Tod des Dichters symbolisiert den Verlust der Jugend und die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist. Das Gedicht ermutigt dazu, das Leben in vollen Zügen zu genießen und die Zeit mit geliebten Menschen zu schätzen, solange man noch die Chance dazu hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Von Follen, von Arndt und Jahn
- Anapher
- Sie gedachten der Klosterhallen Sie sahen sich wieder wallen
- Bildsprache
- Sie hatten einander geladen Von Süden, Nord, Ost und West
- Enjambement
- Und wie ihm der Kelch soeben In der Hand noch erklingt und blinkt
- Hyperbel
- Und wer da noch wollte klagen, Der zeigte kein männlich Herz
- Kontrast
- Er war der schönste gewesen In der blühenden Jugendschaar
- Metapher
- Von allen Seiten sprangen Die lobenden Zecher zu Hauf
- Personifikation
- Doch das Leben entflieht, das warme
- Symbolik
- Die Augen glänzen ihm lichter, Als wäre er wieder jung