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Ein Kameradenfest

Von

Etlich und zwanzig Kameraden
Begiengen ein heitres Fest,
Sie hatten einander geladen
Von Süden, Nord, Ost und West.

Sie gedachten der Klosterhallen
Im grünen, felsigen Thal,
Sie sahen sich wieder wallen
In der Jugend Morgenstrahl.

Schon Manchem hatte die Locken
Des Lebens Winter geraubt,
Schon Manchem die weißen Flocken
Geschüttelt auf’s ernste Haupt.

Die vergangenen Scherze wieder
Brachten sie auf den Plan,
Sie sangen die alten Lieder
Von Follen, von Arndt und Jahn.

Und einer der alten Knaben
Zog ein Gedicht hervor
Und las es und wußte zu laben,
Zu rühren den ganzen Chor.

Von allen Seiten sprangen
Die lobenden Zecher zu Hauf:
»Bravo!« Die Gläser klangen,
Man ließ ihn leben – »wohlauf!«

Dankend erhebt der Dichter
Sein Glas mit freudigem Schwung,
Die Augen glänzen ihm lichter,
Als wäre er wieder jung.

Und wie ihm der Kelch soeben
In der Hand noch erklingt und blinkt,
»Hoch!« rief er, »die Jugend soll leben!«
Da bricht er zusammen und sinkt.

Noch jubelte, trank und lachte
Abseits manch heitrer Gesell,
Der nicht an Schreckliches dachte, –
Es kam wie ein Blitz so schnell.

Er liegt uns zuckend im Arme,
Noch sind seine Wangen roth,
Doch das Leben entflieht, das warme,
Er röchelt, verblaßt, ist todt.

Er war der schönste gewesen
In der blühenden Jugendschaar
Und im Antlitz war ihm zu lesen:
Verständig und schlicht und wahr.

Sah man ihn ringen und springen
Im rüstigen Wettverein,
Die schlanken Glieder ihn schwingen,
Man glaubte in Sparta zu sein. –

Auf Kissen legt man ihn nieder,
Man drückt ihm die Augen zu,
Rings stehen die stummen Brüder;
Da liegt er in sanfter Ruh.

Es schwinden von Stirn und Munde
Die Spuren von Qual und Krampf,
Keine Furche gibt noch Kunde
Vom stürmischen Todeskampf.

Lächelnd scheint er zu sagen:
Nichts weiß ich von eurem Schmerz,
Und wer da noch wollte klagen,
Der zeigte kein männlich Herz.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Ein Kameradenfest von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ein Kameradenfest“ von Friedrich Theodor Vischer beschreibt ein Wiedersehenstreffen von alten Kameraden, die gemeinsam ein heiteres Fest begehen, bei dem sie die Erinnerungen an ihre Jugend hochleben lassen. Die Beschreibung der Veranstaltung beginnt mit der Einladung und dem Zusammentreffen von Freunden aus verschiedenen Richtungen, die sich in fröhlicher Stimmung an die Vergangenheit erinnern, alte Lieder singen und Gedichte vortragen.

Der eigentliche Kern des Gedichts wird jedoch durch den unerwarteten Tod eines der alten Kameraden markiert, der kurz nach dem Ausruf „Hoch! Die Jugend soll leben!“ stirbt. Dieser jähe Tod, der inmitten der Feierlichkeiten geschieht, bildet einen krassen Kontrast zur anfänglichen Fröhlichkeit und der unbeschwerten Erinnerung an die Jugend. Die plötzliche Wendung und die darauf folgende Beschreibung des Todeskampfes sowie der Trauer der verbliebenen Freunde unterstreichen die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes.

Die Sprache des Gedichts ist klassisch, mit Reimschema und einer gehobenen Wortwahl, die den feierlichen Anlass und die Trauer über den Verlust widerspiegelt. Vischer verwendet bildhafte Sprache, um sowohl die lebendige Erinnerung an die Jugend als auch die brutale Realität des Todes zu beschreiben. Besonders hervorzuheben ist die Gegenüberstellung von Leben und Tod, die durch die beschwingte Atmosphäre des Festes und den jähen Zusammenbruch des Kameraden einen tiefen emotionalen Widerhall erzeugt.

Das Gedicht kann als eine Reflexion über die Themen Jugend, Freundschaft, Vergänglichkeit und den Umgang mit dem Tod interpretiert werden. Es zeigt, wie schnell Freude in Trauer umschlagen kann und wie plötzlich das Leben enden kann. Die abschließenden Verse deuten auf eine Akzeptanz des Todes und die Bewahrung der Erinnerung an den Verstorbenen hin, wobei betont wird, dass ein männliches Herz keine Trauer zeigen, sondern das Leben und die Freundschaft ehren soll. Der Tod wird so zu einem Teil des Kreislaufs des Lebens, der zwar Trauer auslöst, aber auch die Bedeutung der Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit unterstreicht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.