Ein harter Wintertag
1844Daß ich dich so verkümmert seh′, Mein lieb lebend′ges Wasserreich, Daß ganz versteckt in Eis und Schnee Du siehst der plumpen Erde gleich;
Auch daß voll Reif und Schollen hängt Dein überglaster Fichtengang: Das ist es nicht, was mich beengt, Geh′ ich an deinem Bord entlang.
Zwar in der immer grünen Zier Erschienst, o freundlich Element, Du ähnlich den Oasen mir, Die des Arabers Sehnsucht kennt;
Wenn neben der verdorrten Flur Erblühten deine Moose noch, Wenn durch die schweigende Natur Erklangen deine Wellen doch.
Allein auch heute wollt′ ich gern Mich des kristallnen Flimmers freun, Belauschen jeden Farbenstern Und keinen Sommertag bereun:
Wär′ nicht dem Ufer längs, so breit, Die glatte Schlittenbahn gefegt, Worauf sich wohl zur Mittagszeit Gar manche rüst′ge Ferse regt.
Bedenk′ ich nun, wie manches Jahr Ich nimmer eine Eisbahn sah: Wohl wird mir′s trüb und wunderbar, Und tausend Bilder treten nah.
Was blieb an Wünschen unerfüllt, Das nähm′ ich noch gelassen mit: Doch ach, der Frost so manchen hüllt, Der einst so fröhlich drüber glitt!
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Interpretation
Das Gedicht "Ein harter Wintertag" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die Betrachtung einer winterlichen Landschaft durch den lyrischen Ich-Erzähler. Der Text zeichnet ein Bild der Kälte und Erstarrung, wobei das "lebendige Wasserreich" unter Eis und Schnee begraben liegt. Trotz der winterlichen Umgebung findet der Erzähler noch Schönheit in der Natur, insbesondere in den immergrünen Pflanzen und den "Wellen" des gefrorenen Wassers. Die Stimmung des Gedichts wandelt sich im Laufe der Verse. Anfangs scheint der Erzähler die winterliche Szenerie zu akzeptieren und sogar zu genießen, indem er die "kristallnen Flimmer" und die "Farbensterne" bewundert. Doch dann lenkt der Blick auf die "glatte Schlittenbahn", die an vergangene Zeiten erinnert. Diese Erinnerungen wecken Sehnsucht und Melancholie, da der Erzähler realisiert, dass viele Menschen, die einst fröhlich auf der Eisbahn glitten, nun von der Kälte des Todes umhüllt sind. Das Gedicht endet mit einem tiefen Gefühl der Trauer und des Verlusts. Der Erzähler reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die Tatsache, dass viele seiner Wünsche unerfüllt geblieben sind. Die letzte Zeile, "Der Frost so manchen hüllt, Der einst so fröhlich drüber glitt", fasst die zentrale Thematik des Gedichts zusammen: die Unausweichlichkeit des Todes und die Erinnerung an vergangene Freuden, die nun von der Kälte der Vergänglichkeit überlagert werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Du ähnlich den Oasen mir
- Antithese
- Doch ach, der Frost so manchen hüllt, Der einst so fröhlich drüber glitt!
- Hyperbel
- Und tausend Bilder treten nah
- Metapher
- Mein lieb lebend′ges Wasserreich
- Personifikation
- Daß ganz versteckt in Eis und Schnee Du siehst der plumpen Erde gleich
- Vergleich
- Du ähnlich den Oasen mir