Ein griechischer Kaiser
1827Ist′s ein Narr bloß? Ist′s ein Weiser? Dreißig Jahre eingeschlossen, Sitzt er schon in dunkler Klause. Selbst erforschen will′s der Kaiser, Und, vom höchsten Glanz umflossen, Naht er sich dem öden Hause.
Auf der Erde hingekauert Liegt der Blöde und betrachtet Sich den Gast mit stolzen Mienen. Alles fühlt sich fremd durchschauert, Daß ein Bettler den verachtet, Dem der Erde Völker dienen.
Sollte mich der Greis nicht kennen? - Ruft der Kaiser - Doch ich staune, Drüben steht ja meine Büste! Nein, ich brauch′ mich nicht zu nennen, Denn ihm wehrt nur tück′sche Laune, Mich zu ehren, wie er müßte.
Was ihn treibt, wer könnt′ es sagen? Wär′ es Trotz, so müßt′ ich′s rächen, Doch, es will mir Wahnsinn scheinen; Um die Zukunft wollt′ ich fragen, Aber, statt mit dem zu sprechen, Such′ ich Weisheit bei den Steinen.
Doch, sowie das Wort gefallen, Hat der Blöde sich erhoben Und nach seinem Stab gegriffen, Seine langen Locken wallen, Wie zum Rock um ihn verwoben, Und sein Stab ist scharf geschliffen.
Vor des Kaisers Büste tretend, Schlägt er ihr vom Haupt die Krone, Und in Stücke fällt sie nieder, Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend, Noch die Augen aus zum Hohne, Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.
Alles sieht ihm zu mit Grauen, Dennoch zwingt man sich zum Lachen, Und des Kaisers Bruder flüstert: »Ich genieße dein Vertrauen, Laß mein Schwert nur fürder wachen, Und dein Stern wird nie verdüstert!«
Aber, eh′ der Tag noch endet, Steigt, der schmeichelnd so gesprochen, Selber auf den Thron der Griechen, Und der Kaiser liegt geblendet, Wo die Totenwürmer pochen Und die gift′gen Molche kriechen.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein griechischer Kaiser" von Friedrich Hebbel erzählt die Geschichte eines Kaisers, der einen Einsiedler besucht, um Weisheit zu erlangen. Der Kaiser, der sich selbst für weise und allmächtig hält, wird vom Einsiedler, der als Narr dargestellt wird, mit Verachtung behandelt. Der Kaiser ist überrascht und verletzt von dieser Reaktion, da er sich selbst für wichtig und verehrt hält. Der Einsiedler, der als Symbol für Weisheit und Wahrheit steht, zerstört die Büste des Kaisers, die seine Macht und seinen Ruhm repräsentiert. Diese Handlung symbolisiert die Vergänglichkeit von Macht und Ruhm und die Tatsache, dass wahre Weisheit oft von denen kommt, die als unwissend oder verrückt angesehen werden. Der Kaiser, der nach Weisheit sucht, findet sie nicht beim Einsiedler, sondern bei den Steinen, was seine Unfähigkeit symbolisiert, die Wahrheit zu erkennen und anzunehmen. Am Ende des Gedichts wird der Kaiser von seinem eigenen Bruder gestürzt und getötet, was die Konsequenzen seiner Arroganz und seines Mangels an wahrer Weisheit zeigt. Der Bruder, der den Kaiser zuvor gelobt hat, ihn zu schützen, verrät ihn und übernimmt den Thron. Dies zeigt, dass Macht und Ruhm oft trügerisch sind und dass wahre Weisheit und Stärke von innen kommen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'Sitzt er schon in dunkler Klause'.
- Bildsprache
- Die Beschreibung der Szene, in der der Einsiedler die Büste des Kaisers zerstört.
- Dramatische Ironie
- Der Leser weiß, dass der Bruder des Kaisers ihn verraten wird, der Kaiser selbst aber nicht.
- Hyperbel
- Die Beschreibung des Einsiedlers als 'Blöder', der den Kaiser verachtet.
- Ironie
- Der Kaiser, der mächtigste Mann, wird von einem armen Einsiedler nicht erkannt und verachtet.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem mächtigen Kaiser und dem armen Einsiedler.
- Metapher
- Die Büste des Kaisers wird als Symbol für seine Macht und seinen Ruhm dargestellt.
- Personifikation
- Der Stern des Kaisers wird als etwas dargestellt, das verdüstert werden kann.
- Symbolik
- Die Krone, die vom Kopf der Büste geschlagen wird, symbolisiert den Fall der Macht.
- Vorahnung
- Die Worte des Bruders des Kaisers deuten auf zukünftige Ereignisse hin.