Ein Geburtstag auf der Reise

Friedrich Hebbel

1842

Wie wird mir so beklommen, Obgleich ich ruhig schlief! Wär′ heut der Tag gekommen, Der mich ins Leben rief? Ja, sagt mir der Kalender, Ein Strauß des Freundes auch, Den der zu milde Spender Mir flocht am Lorbeerstrauch.

Ach, was sind das für Boten! Wo bleiben Weib und Kind, Die sonst, zum Liebesknoten Verschränkt die Ersten sind! Heran, heran, wie immer, Du teures, teures Paar, Sonst wage ich mich nimmer Hinein ins neue Jahr.

Daß ich noch Atem hole, Verdank′ ich euch allein, Denn ihr seid meine Pole Und werdet′s ewig sein! Wie sollt′ ich wohl noch ringen, Wär′s nicht des Vaters Pflicht? Und könnt′ es mir gelingen, Stärkte dies Weib mich nicht?

Drum schnell, ich muß euch schauen, Christine, an mein Herz, Du innigste der Frauen, Eh′ es erstarrt vor Schmerz. Und daß ich zwiefach nippe, Reich′ auch dein Kind zum Kuß, Das meiner bärt′ge Lippe Nur naht, wenn′s eben muß.

Sie zögern noch! Ermannung! Sie sind dir heut zu fern! Du lebst in der Verbannung, Doch nicht von Stern zu Stern! Du ward′st auf eine Weile Dem Paradies entrückt, Damit es, dir zum Heile, Bald doppelt dich beglückt.

Nun wohl, ich will es tragen, Bin ich auch Duldens satt; Ich ward zurück verschlagen In eine finstre Stadt, Wo ich, der Welt verborgen, Bestand den ersten Streit, Drum werde dieser Morgen Der Pilgerschaft geweiht.

Es ist die rechte Stunde, Ein Schlachtfeld zu beschaun, Ich mache flugs die Runde Und tu′ es ohne Graun, Als wären′s schon Äonen, Wo ich hier, stumm, doch bang, Mit jedem der Dämonen Auf Tod und Leben rang.

Drum erst zum kleinen Hause, Das mich beherbergt hat! In dieser dunklen Klause Reift′ ich zur Dichtertat, Viel litt ich da im stillen, Viel hat′s in mir geschafft: Von Gott den reinen Willen, Vom Teufel jede Kraft.

Vorüber doch, vorüber! Mir wird in meinem Sinn Auf einmal trüb und trüber, Nun ich zur Stelle bin. Mir deucht, durch dieses Fenster Grinst noch der ganze Chor Der Larven und Gespenster, Die mich gequält, hervor.

Dafür zum Königsgarten Mit raschem Schritt hinab! Er war′s, der dem Erstarrten Stets wieder Leben gab, Der, wenn mich eine Mahnung Der Todes tief geschreckt, Mich gleich durch eine Ahnung Der Zukunft neu geweckt.

O Park, sei mir gesegnet! Bleib ewig frisch und grün, Und wenn′s nur einmal regnet, So sollst du zweimal blühn! In jeden deiner Gänge Verlier′ ich mich mit Lust, Denn jeder hat Gesänge Gehaucht in meine Brust.

Hier zeigte, wie im Traume, Sich mir die Judith schon! Dort, unterm Tannenbaume Sah ich den Tischlersohn, Da drüben winkte leise Mir Genovevas Hand, Und in des Weihers Kreise Fand ich den Diamant.

Dann wollt′ es mich bedünken, Ich sei unendlich reich! Mein Busen war dem Blinken Des Sternenhimmels gleich: Schon viel sind aufgegangen In wandelloser Pracht, Mehr glaubt man noch umfangen Vom stillen Schoß der Nacht.

Zwar blieben′s damals Schemen, Mir nur zum Trost geschickt, Sie mußten Abschied nehmen, Sowie ich sie erblickt. Das fügte tausend Schmerzen Den schwersten noch hinzu, Doch kam zuletzt dem Herzen Durch sie allein die Ruh.

Denn als sie Blut getrunken, Wie des Odysseus Schar Im Hades, deren Funken Längst still verglommen war: Da wandelten die Schatten Sich in Gestalten schnell, Und nun sie Leben hatten, Ward′s rings um mich auch hell.

So will′s ja der Berater Der Welt, daß in der Kunst Das Kind den eignen Vater Erlöst vom irdschen Dunst Und für die heil′ge Schüssel Voll Bluts, die er vergießt, Ihm dankt mit einem Schlüssel, Der ihm das All erschließt.

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Illustration zu Ein Geburtstag auf der Reise

Interpretation

Das Gedicht "Ein Geburtstag auf der Reise" von Friedrich Hebbel beschäftigt sich mit den Gefühlen und Erinnerungen des lyrischen Ichs an seinem Geburtstag, während es sich auf einer Reise befindet. Es reflektiert über die Bedeutung von Familie, Liebe und der Kunst als Quelle des Trostes und der Inspiration. Das Gedicht beginnt mit einem Gefühl der Beklommenheit, obwohl das lyrische Ich ruhig geschlafen hat. Es fragt sich, ob heute der Tag gekommen ist, der es ins Leben gerufen hat. Die Antwort gibt der Kalender, und ein Strauß vom Freund, der mit Lorbeer geflochten ist, bestätigt dies. Doch die üblichen Boten wie die Frau und das Kind fehlen, was das lyrische Ich traurig macht. Es sehnt sich danach, sie zu sehen und in das neue Jahr zu starten. Das lyrische Ich erkennt an, dass es seinen Atem und seine Kraft seiner Familie verdankt. Sie sind seine Pole und werden es immer sein. Es fragt sich, wie es ohne die Pflicht als Vater und die Stärkung durch seine Frau ringen und erfolgreich sein könnte. Es drängt danach, seine Frau Christine und sein Kind zu umarmen, bevor es vor Schmerz erstarren könnte. Das lyrische Ich erkennt, dass es in der Verbannung lebt, aber nicht von Stern zu Stern. Es wurde für eine Weile aus dem Paradies entrückt, damit es bald doppelt gesegnet zurückkehren kann. Es beschließt, die Pilgerschaft zu akzeptieren und sich in eine finstere Stadt zurückzuziehen, wo es den ersten Streit bestanden hat. Es widmet diesen Morgen der Pilgerschaft und macht sich auf den Weg, um ein Schlachtfeld zu besichtigen. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Kunst den eigenen Vater vom irdischen Dunst erlöst und ihm für die geopferten Schüsseln voller Blut mit einem Schlüssel dankt, der ihm die Welt erschließt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Ein Geburtstag auf der Reise

Stilmittel

Allusion
Wie des Odysseus Schar Im Hades
Anapher
Heran, heran, wie immer
Bildsprache
Ein Schlachtfeld zu beschaun
Hyperbel
Ich sei unendlich reich
Kontrast
Von Gott den reinen Willen, Vom Teufel jede Kraft
Metapher
Du bist meine Pole
Parallelismus
Viel litt ich da im stillen, Viel hats in mir geschafft
Personifikation
Der zu milde Spender
Rhetorische Frage
Wär heut der Tag gekommen, Der mich ins Leben rief?
Symbolik
Lorbeerstrauch