Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , ,

Ein Gast

Von

Was lärmt denn da vor meiner Hütten
Noch für ein ungebetner Gast?
Er legt sich eben nicht auf‘ s Bitten,
Er pocht und schellt mit wilder Hast.

Das ist die Reue, die schon lange
Mit Geistertritt das Haus umkreist
Und endlich nun am Glockenstrange,
Am Klopfer ungeduldig reißt.

Da steht sie mit dem todesblassen
Gesicht, die welke Hand am Knauf,
Und schickt mir fordernd einen grassen,
Verstörten, kranken Blick herauf.

Wer könnte Geister zwingen, binden?
Dich sperrt nicht Menschenkraft hinaus!
Tritt ein, du wirft Gesellschaft finden,
Es sind der Larven mehr im Haus.

Ich hab’s geahnt, so könnt‘ es werden,
Als ich erbat den ersten Kuß,
Ich hab’s geahnt, weil stets auf Erden
Mit Leid die Freude schließen muß.

Ich hab’s geahnt, als ich ihr Treue
Mit raunendem Gewissen schwor;
Auf Treue reimt zu gut die Reue,
Schon klang der Endreim mir im Ohr.

Der Wildbach, der hinauszuschießen
In’s weite Land noch schäumt und braust,
Er soll die Hütte nicht umfließen,
Den stillen Hag, wo Friede haust.

Ich weiß ein Auge, mit dem reinen
Herzblick hat es mir oft gelacht,
Es wird mir lebenslang erscheinen
Sternhell in dunkler Mitternacht.

So lauter fließt aus tiefster Quelle
Sein unvergeßlich klares Licht –:
Ich weiß, es trübten diese Helle
Auch all die heißen Thränen nicht.

Mild wird es mir in’s Innre blicken,
Kein Vorwurf wird zu lesen sein,
Ich aber werde Vorwurf pflücken
Aus diesem offnen Himmelsschein.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Ein Gast von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ein Gast“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Reue und ihren Auswirkungen auf das Bewusstsein des lyrischen Ichs. Der „ungebetene Gast“, der an die Tür klopft, symbolisiert die Reue selbst, die mit „wilder Hast“ und „ungeduldig“ in das Leben des Sprechers eindringt. Das Gedicht entfaltet sich als eine Art innerer Monolog, in dem das lyrische Ich die Reue als einen unaufhaltsamen Besucher betrachtet, der die Tür zum Herzen des Sprechers aufbricht.

Die Reue wird als eine Personifizierung dargestellt, mit „todesblassen“ Gesicht und „welker Hand“, die in das Leben des Sprechers tritt. Diese Darstellung unterstreicht die Last und das quälende Gefühl der Reue, die den Sprecher heimsuchen. Der Sprecher fühlt sich machtlos gegenüber diesem Eindringling, da er die Geister nicht zwingen oder binden kann. Die Reue findet „Gesellschaft“ im Haus des Sprechers, da dieser bereits von anderen „Larven“ bewohnt ist – ein Hinweis auf weitere negative Gefühle und Erfahrungen, die ihn belasten.

Das Gedicht nimmt eine Wendung, wenn das lyrische Ich die Ursache für die Reue in vergangenen Handlungen, wie dem ersten Kuss oder dem Treueschwur, erblickt. Die Erkenntnis, dass Freude und Leid untrennbar miteinander verbunden sind, wird hier in einer tiefsinnigen Weise verarbeitet. Die Reime, wie „Treue“ und „Reue“, verstärken diese Verbindung und machen das Ausmaß des erlittenen Schmerzes deutlich. Dies deutet darauf hin, dass die Reue eine Folge von Fehlern und Entscheidungen in der Vergangenheit ist, die den Sprecher nun verfolgen.

Die letzten Strophen bieten einen Hoffnungsschimmer. Das lyrische Ich erinnert sich an ein reines und liebendes Auge, das ihm einst „oft gelacht“ hat. Dieses Bild der Reinheit und Liebe scheint ein Kontrast zur Reue zu bilden und erinnert den Sprecher an die Möglichkeit von Freude und Glück. Doch selbst diese Erinnerung ist von Trauer überlagert, da der Sprecher sich selbst Vorwürfe macht und erkennt, dass die Reue ihn weiterhin begleiten wird. Das Gedicht schließt mit einer bittersüßen Note, die die Komplexität menschlicher Emotionen und die Unausweichlichkeit der Reue hervorhebt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.