Ein Gast

Friedrich Theodor Vischer

1807

Was lärmt denn da vor meiner Hütten Noch für ein ungebetner Gast? Er legt sich eben nicht auf’ s Bitten, Er pocht und schellt mit wilder Hast.

Das ist die Reue, die schon lange Mit Geistertritt das Haus umkreist Und endlich nun am Glockenstrange, Am Klopfer ungeduldig reißt.

Da steht sie mit dem todesblassen Gesicht, die welke Hand am Knauf, Und schickt mir fordernd einen grassen, Verstörten, kranken Blick herauf.

Wer könnte Geister zwingen, binden? Dich sperrt nicht Menschenkraft hinaus! Tritt ein, du wirft Gesellschaft finden, Es sind der Larven mehr im Haus.

Ich hab’s geahnt, so könnt’ es werden, Als ich erbat den ersten Kuß, Ich hab’s geahnt, weil stets auf Erden Mit Leid die Freude schließen muß.

Ich hab’s geahnt, als ich ihr Treue Mit raunendem Gewissen schwor; Auf Treue reimt zu gut die Reue, Schon klang der Endreim mir im Ohr.

Der Wildbach, der hinauszuschießen In’s weite Land noch schäumt und braust, Er soll die Hütte nicht umfließen, Den stillen Hag, wo Friede haust.

Ich weiß ein Auge, mit dem reinen Herzblick hat es mir oft gelacht, Es wird mir lebenslang erscheinen Sternhell in dunkler Mitternacht.

So lauter fließt aus tiefster Quelle Sein unvergeßlich klares Licht –: Ich weiß, es trübten diese Helle Auch all die heißen Thränen nicht.

Mild wird es mir in’s Innre blicken, Kein Vorwurf wird zu lesen sein, Ich aber werde Vorwurf pflücken Aus diesem offnen Himmelsschein.

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Illustration zu Ein Gast

Interpretation

Das Gedicht "Ein Gast" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die unerwünschte Ankunft der Reue, die als geisterhafte Erscheinung den Sprecher heimsucht. Die Reue wird als ungebetener Gast dargestellt, der beharrlich an der Tür klopft und läutet, bis sie schließlich Einlass erhält. Die Beschreibung der Reue mit ihrem todesblassen Gesicht und ihrer welken Hand verleiht ihr eine düstere und unheimliche Präsenz. Der Sprecher reflektiert über die Vorahnung, die er bereits bei der ersten intimen Begegnung und dem Schwur der Treue hatte. Er erkennt, dass Freude und Leid untrennbar miteinander verbunden sind und dass die Reue oft als Konsequenz der Treue folgt. Trotz der störenden Anwesenheit der Reue behält der Sprecher die Hoffnung auf die beständige Liebe, symbolisiert durch ein reines Auge, das ihm auch in dunklen Zeiten als leitender Stern erscheint. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Reinheit und Klarheit der Liebe auch durch Tränen nicht getrübt werden können. Der Sprecher erwartet, dass das Auge der Liebe ihn mild anschauen wird, ohne Vorwürfe zu erheben. Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass er selbst Vorwürfe aus dem Licht der Liebe pflücken wird, was auf eine innere Auseinandersetzung und Selbstreflexion hindeutet.

Schlüsselwörter

hab geahnt reue haus treue weiß vorwurf lärmt

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Stilmittel

Alliteration
Mit Leid die Freude schließen muß
Bildsprache
Mild wird es mir in's Innre blicken, Kein Vorwurf wird zu lesen sein
Metapher
So lauter fließt aus tiefster Quelle Sein unvergeßlich klares Licht
Personifikation
Was lärmt denn da vor meiner Hütten Noch für ein ungebetner Gast?