Ein Frauenschicksal
1875So wie der König auf der Jagd ein Glas ergreift, daraus zu trinken, irgendeines, - und wie hernach der welcher es besaß es fortstellt und verwahrt als wär es keines:
so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch, bisweilen Eine an den Mund und trank, die dann ein kleines Leben, viel zu bang sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch
hinstellte in die ängstliche Vitrine, in welcher seine Kostbarkeiten sind (oder die Dinge, die für kostbar gelten).
Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne und wurde einfach alt und wurde blind und war nicht kostbar und war niemals selten.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Frauenschicksal" von Rainer Maria Rilke beschreibt das Schicksal einer Frau, die wie ein Glas vom Schicksal an den Mund gehoben und dann wieder beiseite gestellt wird. Das Schicksal, verglichen mit einem durstigen König, nimmt sich von dem Leben der Frau, was es braucht, und stellt sie dann abseits des Gebrauchs in eine ängstliche Vitrine. Dort steht sie fremd und ungenutzt, wird alt und blind, ohne jemals kostbar oder selten zu sein. Das Gedicht verdeutlicht die Ausbeutung und Entwertung von Frauen durch das Schicksal und die Gesellschaft. Die Frau wird vom Schicksal benutzt und dann beiseite gelegt, wie ein benutztes Glas. Sie wird in eine Vitrine gestellt, in der die Kostbarkeiten aufbewahrt werden, aber sie selbst bleibt fremd und ungenutzt. Sie altert und wird blind, ohne jemals wertgeschätzt oder als etwas Besonderes angesehen zu werden. Rilke kritisiert mit diesem Gedicht die gesellschaftliche Behandlung von Frauen und ihre Rolle als Objekte, die benutzt und dann beiseite gelegt werden. Die Frau wird als etwas Fremdes und Unbekanntes dargestellt, das nicht in das Schema der Kostbarkeiten passt. Sie wird alt und blind, ohne jemals geschätzt oder wertgeschätzt zu werden. Das Gedicht ist eine traurige Reflexion über das Schicksal vieler Frauen und ihre Entwertung in der Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Vitrine, in welcher seine Kostbarkeiten sind
- Ironie
- war nicht kostbar und war niemals selten
- Kontrast
- war nicht kostbar und war niemals selten
- Metapher
- das Schicksal, durstig auch
- Personifikation
- das Schicksal, durstig auch
- Symbolik
- Glas
- Vergleich
- So wie der König auf der Jagd ein Glas ergreift, daraus zu trinken, irgendeines, - und wie hernach der welcher es besaß es fortstellt und verwahrt als wär es keines