Ein Fetzen Weh

Gertrud Kolmar

1917

Ein Fetzen Weh, vom Wind daher gefegt Das war er nun. Ich hab ihn still ins heil’ge Buch gelegt, Zu ruhn - zu ruhn - - -

Und die vergilbten Blätter schlossen ihn So linde ein, Die Totenhülle, weißer denn Jasmin, Der braune Schrein.

So fern der Unrast, die da draußen tost, Hat er geruht. Und war der Klage voll und gab mir Trost - Er war so gut - - -

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Ein Fetzen Weh

Interpretation

Das Gedicht "Ein Fetzen Weh" von Gertrud Kolmar handelt von der Bewältigung von Schmerz und Trauer. Der Sprecher beschreibt, wie er einen "Fetzen Weh", der vom Wind hergeweht wurde, in ein heiliges Buch legt, um ihn zur Ruhe zu bringen. Dieses Buch dient als symbolische Grabstätte für den Schmerz, der in den vergilbten Blättern sanft eingeschlossen wird. Die Beschreibung der Totenhülle, weißer als Jasmin, und des braunen Schreins verstärkt die Vorstellung eines letzten Ruheorts für den Schmerz. In der zweiten Strophe reflektiert der Sprecher über die Distanz zur äußeren Unruhe, die draußen tobt. Trotz dieser Unrast hat der "Fetzen Weh" in seiner symbolischen Grabstätte Ruhe gefunden. Der Schmerz, der einst laut und klagevoll war, wird nun zu einer Quelle des Trostes für den Sprecher. Die Tatsache, dass der Schmerz "so gut" war, deutet darauf hin, dass das Erleben und Verarbeiten von Schmerz letztlich heilend wirken kann. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefgründige Botschaft über den Umgang mit emotionalen Wunden. Es zeigt, dass das bewusste Annehmen und Integrieren von Schmerz in das eigene Leben einen Weg zur Heilung und zum Trost bieten kann. Die Metapher des Buches als Grabstätte symbolisiert die Transformation von Schmerz in etwas, das nicht mehr aktiv leidet, sondern zur Ruhe gekommen ist und gleichzeitig als Quelle der Stärke und des Trostes dient.

Schlüsselwörter

ruhn fetzen weh wind daher gefegt hab still

Wortwolke

Wortwolke zu Ein Fetzen Weh

Stilmittel

Alliteration
ruh'n - zu ruhn
Einschub
Er war so gut
Gegenüberstellung
So fern der Unrast, die da draußen tost
Hyperbel
gab mir Trost
Metapher
war der Klage voll
Personifikation
Hat er geruht
Symbolik
heil'ge Buch
Vergleich
So linde ein, Die Totenhülle, weißer denn Jasmin