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Ein fernes Grab

Von

(An C. A. S. †)

In fremder Erde ward es dir zu ruh’n,
Im Eiland, das die Volkskraft muß bewachen,
Mit dämmebauend nimmer müdem Thun
Beschützen vor des Meeres offenem Rachen.

Kein schlechtes Bett! Ein ehrenwerther Grund,
Um den so mannhaft stetig wird gerungen,
Daß er als Raub in diesen finstern Schlund
Vom Wogenschwall nicht wird hinabgeschlungen!

Die Augen drückte Kindeshand dir zu,
Wortkarges Volk, arbeitsam, ernst, gediegen,
Empfing dich gastlich, senkte dich zur Ruh –
Doch weiß ich, wo du lieber möchtest liegen:

Im stillen Dörfchen, fern am Neckarstrand,
Dort wo die Berge, die gestreckten, blauen,
Durch weiche Luft in’s segensreiche Land
Auf sangreich heitres Volk herüberschauen.

Im Dörfchen an der Rebenhügel Saum,
Im Obstbaumschatten traulich angelehnt,
Wohin du dich im Wachen und im Traum,
Vom Loos verbannt, dein Leben lang gesehnt.

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Gedicht: Ein fernes Grab von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ein fernes Grab“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine berührende Elegie, die den Tod des Freundes C.A.S. betrauert und zugleich die Sehnsucht nach der Heimat thematisiert. Es beschreibt zunächst die ungewohnte Grabstätte des Verstorbenen, der in einem fernen Land, auf einer Insel, beigesetzt wurde. Diese Insel wird mit ihrer Funktion als Schutz vor dem Meer, der Lebensader und dem Element, dem das Grab trotzen muss, beschrieben. Die gewählte Form des Gedichts, mit ihren regelmäßigen Reimen und dem klaren Aufbau, unterstreicht die Ernsthaftigkeit und Würde der Thematik.

Die ersten beiden Strophen konzentrieren sich auf den Ort der Beerdigung und die damit verbundenen Umstände. Die „fremde Erde“ und das „ferne Grab“ erzeugen ein Gefühl der Isolation und Fremdheit. Die Beschreibung des Grabes als Ort, der durch menschliche Arbeit und Anstrengung der Gefahr des Meeres widersteht, deutet auf die Bedeutung von Anstrengung und Pflichtgefühl hin, die im Leben des Verstorbenen eine Rolle gespielt haben könnten. Trotz der Ehrenhaftigkeit dieses Ortes der letzten Ruhe wird jedoch durch die subtile Melancholie der Verse die Unvereinbarkeit mit den tiefsten Wünschen des Toten angedeutet.

Die dritte und vierte Strophe offenbaren die eigentliche Sehnsucht des Verstorbenen. Sie weisen auf einen Ort zurück, der im krassen Gegensatz zur rauhen Realität der Grabstätte steht: ein idyllisches Dorf am Neckar, eingebettet in eine sanfte, vertraute Landschaft. Dieses Idyll wird als „segensreiches Land“ beschrieben, wo „heitres Volk“ lebt, was auf eine Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit und Gemeinschaft hinweist. Die Berge, die „gestreckten, blauen“ Berge, und die „weiche Luft“ erzeugen ein Gefühl von Ruhe und Frieden, das dem Verstorbenen in seinem Leben offenbar fehlte.

Die abschließende Strophe verstärkt diese Sehnsucht noch, indem sie das Bild des Dorfes mit den „Rebenhügeln“ und dem „Obstbaumschatten“ wieder aufgreift. Der Tod, das „Loos“, hat den Freund von seinem eigentlichen Sehnsuchtsort getrennt. Die Zeile „Wohin du dich im Wachen und im Traum, / Vom Loos verbannt, dein Leben lang gesehnt“ verdeutlicht die Tragik des Schicksals und die tiefe Verwurzelung der Sehnsucht nach dem Zuhause. Das Gedicht wird somit zu einer ergreifenden Hommage an die Liebe zur Heimat und ein stilles Klagen über das Verfehlen des persönlichen Glücks.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.