Ein Felsenherz
1821Als Moses in der Seele höchstem Zagen, Um Hülfe flehend, an den Fels geschlagen, Da fühlte Mitleid selbst mit ihm der Stein; Er öffnete des Busens starre Rinde, Und segensreich entströmte voll und linde Den Schmachtenden die Quelle frisch und rein. -
Ein andrer Moses, hab′ ich auch geschlagen An einen Fels, mit banger Furcht und Zagen, Was aus dem Innern mir entgegenquillt; Voll Inbrunst hab′ ich heiß mit ihm gerungen, Ich redete mit Mensch- und Engelzungen - Es lag vor ihm der Seele ganzes Bild!
Doch kalt und stumm blieb er bei meinen Fragen, Taub und verschlossen meinen heißen Klagen, Ihn rührte nicht der Seele wahrster Schmerz; Kein Quell hat lindernd sich aus ihm ergossen, Kein Seufzer wehte, keine Thränen flossen - Du, mehr als Stein - du warst ein Menschenherz!
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Felsenherz" von Luise Büchner handelt von der Enttäuschung über die mangelnde Empathie eines Menschen. Der erste Teil des Gedichts beschreibt das biblische Gleichnis von Moses, der an einen Felsen schlägt und dieser daraufhin eine Quelle freigibt, um den Durst der Menschen zu stillen. Dieses Gleichnis wird als Metapher für die Hoffnung auf Mitgefühl und Verständnis verwendet. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Sprecher selbst zum "anderen Moses", der ebenfalls an einen Felsen schlägt und um Hilfe fleht. Er kämpft mit Angst und Zagen und versucht mit aller Kraft, den Menschen zu erreichen. Doch im Gegensatz zum biblischen Gleichnis bleibt der Felsen kalt und unempfindlich. Der Sprecher fühlt sich abgewiesen und verletzt, da der Mensch ihm nicht die erhoffte Unterstützung und Empathie entgegenbringt. Der letzte Teil des Gedichts drückt die tiefe Enttäuschung und den Schmerz des Sprechers aus. Der Mensch, der ihm gegenüberstand, war nicht einmal so gefühllos wie ein Stein, sondern ein "Menschenherz". Diese Aussage verdeutlicht die Abscheu und Verachtung, die der Sprecher für diesen Menschen empfindet, da er selbst als Mensch mehr Mitgefühl und Verständnis verdient hätte. Das Gedicht endet mit einer scharfen Kritik an der Kälte und Unempfindlichkeit des Menschen und betont die Bedeutung von Empathie und Mitgefühl in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Ein andrer Moses, hab′ ich auch geschlagen An einen Fels, mit banger Furcht und Zagen
- Hyperbel
- Ihn rührte nicht der Seele wahrster Schmerz
- Kontrast
- Doch kalt und stumm blieb er bei meinen Fragen
- Metapher
- Du, mehr als Stein - du warst ein Menschenherz
- Personifikation
- Da fühlte Mitleid selbst mit ihm der Stein
- Symbolik
- Es lag vor ihm der Seele ganzes Bild