Ein Fang
1807oder: Was sich bei Kannstatt am Neckar im Jahr 1796 zwischen einem kleinen französischen Schützen und einem österreichischen Reiter begeben.
Bei Kannstatt an der Brucken Da war das Schießen groß, Als aufeinander stießen Oestreicher und Franzos.
Haubitzen und Granaten Brummten den Baß mit Macht Und das Musketenfeuer Dazwischen klatscht und kracht.
Bei den Franzosen drüben Ein kleiner Schütze war, Der zielte wie ein Falke, Er fehlte nicht ein Haar.
Er schoß, er lud, er spannte, Legt’ an und drückt’ und traf, Und mancher von den Feinden Sank in den Todesschlaf.
Ein kaiserlicher Reiter, Der nahm ihn recht auf’s Korn: »Manndl, dich muß ich kriegen!« Dacht’ er in stillem Zorn.
Am Abend ward es stille, Das Schießen hörte auf, Da nahm das kleine Schützlein Zum Neckar seinen Lauf.
Es putzte seine Flinte Dort an dem Wasser klar, Dieweil sie von dem Schießen, Gar sehr verrußet war.
Der Reiter nicht verdrossen Erspäht es auf der Stell’, Sagt’s keinem Kameraden, Setzt sich zu Pferde schnell.
Er ritt am Fluß hinunter, Kam an einen Ort allda, Wo er konnt’ übersetzen, Daß es der Feind nicht sah.
Wie er herübergeschwommen, Kam er ganz leis’ heran, Wie eine Katze schleichet, Die eine Maus will fah’n.
Das Schützlein stand gebücket, Nur auf sein’ Arbeit sicht, Es putzt an seiner Flinte, Und putzt und merkt es nicht.
Der Reiter stieg vom Pferde, Schlich an des Ufers Rand, Das Schützlein nahm er am Kragen Mit seiner schweren Hand.
Es schreit, es flucht, es zappelt, Der Schrecken, der war groß: Hat Alles nichts geholfen, Er zog es auf sein Roß.
Hielt es allda recht feste, Reit’t fort, so schnell er kann, Setzt wieder über’s Wasser, Kommt wohlbehalten an.
Er nahm das Schützlein kleine Daselbst in sein Quartier, Gab ihm für seinen Schrecken Von seinem Wein und Bier.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Fang" von Friedrich Theodor Vischer schildert eine Begebenheit aus dem Jahr 1796 bei Kannstatt am Neckar zwischen einem französischen Schützen und einem österreichischen Reiter. Es beginnt mit einer Schilderung des Kriegsgeschehens, in dem der kleine französische Schütze als präziser und gefährlicher Scharfschütze dargestellt wird, der viele Feinde tötet. Der österreichische Reiter nimmt sich vor, diesen Schützen zu fangen. Am Abend, als das Schießen aufhört, macht sich der Reiter auf die Suche nach dem Schützen. Er findet ihn am Neckar, wo dieser seine Flinte reinigt. Der Reiter schleicht sich an und packt den Schützen am Kragen. Trotz Schreien und Fluchen gelingt es dem Reiter, den Schützen zu fangen und auf sein Pferd zu setzen. Er bringt ihn sicher über den Fluss in sein Quartier, wo er ihm Wein und Bier gibt, um seinen Schrecken zu lindern. Das Gedicht zeichnet sich durch eine lebendige Erzählweise und eine detaillierte Beschreibung der Handlungen und Emotionen der Protagonisten aus. Es vermittelt die Spannung und Dramatik der Kriegssituation, aber auch die menschliche Seite des Konflikts, indem der Reiter am Ende des Gedichts Mitleid mit dem gefangenen Schützen zeigt. Die Struktur des Gedichts, mit seinen vierzehn Strophen, trägt zur Steigerung der Spannung und zur Abrundung der Erzählung bei.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da nahm das kleine Schützlein Zum Neckar seinen Lauf
- Hyperbel
- Er fehlte nicht ein Haar
- Ironie
- Gab ihm für seinen Schrecken Von seinem Wein und Bier
- Kontrast
- Bei Kannstatt an der Brucken Da war das Schießen groß
- Metapher
- Er zielte wie ein Falke
- Onomatopoesie
- klatscht und kracht
- Personifikation
- Haubitzen und Granaten Brummten den Baß mit Macht
- Symbolik
- Musketenfeuer klatscht und kracht
- Vergleich
- Wie eine Katze schleichet, Die eine Maus will fah'n
- Wiederholung
- Er schoß, er lud, er spannte, Legt' an und drückt' und traf