Ein Eisenbahner
1920Ich kann Eisenbahn-Zugführer werden; nein, Lokomotivführer lieber! Dann bin ich kleiner Menschenknirps der größten Maschine über, die tausend Pferdekraft stark ist.
Und tausend andre Menschen regiert Ein Griff meiner Hand, tagein tagaus, bei Nacht, bei Nebel, im Sturm von Land zu Land; Bahn frei! schreit meine Maschine.
Bahn frei - was schreit da wider? im Dunkeln welch Gestampf? Woher, wohin? Vorwärts, zurück? Halt! bremsen! Gegendampf! jetzt gilt′s, Mensch: Einer für Alle!
Und fliegt der Kopf vom Kragen, so stirbt sich′s ohne Grämen; dann braucht man sich doch wenigstens des Lebens nicht zu schämen! So denkt ein kleiner Held.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Eisenbahner" von Richard Dehmel schildert die Träume und die Selbstwahrnehmung eines jungen Mannes, der Lokomotivführer werden möchte. Der Protagonist strebt danach, die Kontrolle über eine mächtige Maschine zu erlangen und damit die Verantwortung für das Leben vieler Menschen zu übernehmen. Dies symbolisiert den Wunsch nach Macht und Einfluss, der sich in der Vorstellung äußert, "kleiner Menschenknirps" der größten Maschine zu sein. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die tägliche Arbeit des Lokomotivführers, der Tag für Tag, bei Tag und Nacht, bei jedem Wetter, von Land zu Land fährt. Die Maschine selbst scheint zu rufen: "Bahn frei!", was die unaufhaltsame Kraft und den Drang nach Vorwärtsbewegung symbolisiert. Doch plötzlich tauchen Fragen auf: "Bahn frei - was schreit da wider?" Diese Zeilen deuten auf die unvorhersehbaren Herausforderungen und Gefahren hin, denen der Lokomotivführer gegenübersteht. Der Protagonist muss Entscheidungen treffen, bremsen oder beschleunigen, und dabei gilt: "Einer für Alle!" Dies unterstreicht die Verantwortung, die der Lokomotivführer trägt. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert der Protagonist über die möglichen Konsequenzen seiner Arbeit. Der Satz "Und fliegt der Kopf vom Kragen, so stirbt sich's ohne Grämen" deutet auf die Bereitschaft hin, im Ernstfall sein Leben zu opfern. Der Protagonist möchte sich nicht des Lebens schämen, was auf ein starkes Verantwortungsbewusstsein und den Wunsch nach einem heldenhaften Tod hindeutet. Das Gedicht endet mit der Selbstbeschreibung als "kleiner Held", was die Verklärung der Rolle des Lokomotivführers als mutigen und selbstlosen Kämpfer unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- tagein tagaus, bei Nacht, bei Nebel, im Sturm von Land zu Land
- Hyperbel
- die tausend Pferdekraft stark ist
- Imperativ
- Halt! bremsen! Gegendampf!
- Metapher
- So denkt ein kleiner Held
- Personifikation
- Bahn frei! schreit meine Maschine
- Rhetorische Frage
- Bahn frei - was schreit da wider? im Dunkeln welch Gestampf? Woher, wohin? Vorwärts, zurück?